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STURM – Teil V / Leseprobe

Veröffentlicht: 3. September 2014 in STURM
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Der Sommer macht es etwas erträglicher, die Tage vergehen zu lassen, weil ständig neue Gesichter im Ort sind. Ich liege am Strand auf meinem Platz, dem immer gleichen Platz – auch etwas, das sich eingeschlichen hat, dieses Festhalten an allen möglichen Ritualen, die mir etwas Halt geben. Sie liegt am Schirm neben mir, seit einigen Tagen, und sie ist keine Touristin, weshalb ich sie ignoriere. Ich wähle nie Einheimische aus, denen ich dann womöglich immer wieder begegnen würde. Ich halte mich nur an Urlauberinnen, die nach spätestens vierzehn Tagen wieder abreisen und an deren Namen und Gesichter ich mich nicht erinnern werde. Noch ist es früh im Jahr und nicht viel los und die Pausen zwischen dem Vormittagswein, dem Mittagswein, dem Nachmittags-Drink und dem Abendessen dehnen sich so quälend zäh aus, dass ich anfange, sie zu beobachten. Ihr Alter ist unmöglich zu schätzen, ihre Figur für meinen Geschmack viel zu perfekt, ihre Haut tiefbraun. Der Bikini so belanglos, dass selbst ein Ballonkleid mehr Sexappeal hätte. Ihre Füße sind wundervoll, schlanke Fesseln, schöne Zehen. Ihr Handtuch ist von Armani, ihre Strandtasche von Gucci, ihre Sonnenbrille von Prada, ihr T-Shirt von Yves Saint Laurent. Sie grüßt jeden Morgen freundlich, liest viel, telefoniert endlos – mit einer süßen Stimme, die so lieb klingt, dass sie gerade noch nicht kindlich ist. Ihr Blick, wenn sie sich umsieht am Strand, ist freundlich, offen, sympathisch. Aber dann, in ganz wenigen Momenten, liegt plötzlich ein Schmerz in ihren Augen, der so unendlich groß sein muss, dass sich kurz ihr gesamter Körper verkrampft. Und sie hat ein Tattoo auf dem Rücken, das überhaupt nicht zu ihr passt. Ich beobachte sie von der Bar aus, trinke Wein, rauche und sehe ihr beim Schlafen zu. Bevor sie sich hingelegt hat, hat sie sorgsam ihren Bikini zurecht gezogen, das Lesezeichen ins Buch gesteckt und ihr Handy in die Tasche gepackt. Ich überlege, zurück an meine Liege zu gehen, aber vermutlich würde sie aufwachen. Also bestelle ich noch einen Krug Wein und schaue den Wolken zu, die vom Meer her in Richtung Strand ziehen.

Später döse ich in der Sonne und merke nicht, dass es kühl geworden ist, und die Wolken sind nun tiefschwarz und fast alle Gäste haben den Strand schon verlassen. Sie ist noch da und lächelt mich an und fragt mich nach Feuer. Sie hat heute schon geraucht und es ist klar, dass das nur ein Vorwand ist und ich überlege einen Moment, ob ich die Frage einfach ignoriere, bis ich wieder diesen kurzen Schmerz in ihren Augen sehe der sich tief in meine Eingeweide zu bohren scheint und sich dort mit meinem Schmerz verbindet, und ich stehe auf und gebe ihr Feuer.
Sie bietet mir eine Zigarette an, die ich nehme, und wir rauchen eine Weile schweigend und als wir gerade anfangen wollen, etwas zu sagen, kracht der erste Donner mit solcher Wucht in den Himmel, dass sie erschrocken nach meinem Arm greift. Ihr Griff ist fest und warm und ich würde ihn gerne länger spüren, aber jetzt setzt der Regen ein, als würde jemand eine Dusche aufdrehen und wir raffen unsere Sachen zusammen und laufen los. Nicolo hat seine Bar schon geschlossen und so retten wir uns in meinen alten Fiat. Der Parkplatz ist eine Schlammwüste und als wir endlich im Auto sitzen sind wir völlig durchnässt und unsere Füße bis zu den Knien mit Sand bespritzt.
Ihre schwarzen Haare hängen nass glänzend wirr in ihr Gesicht und sie holt ihr Handtuch aus der Tasche und versucht, sich etwas abzutrocknen. Der Bikini weicht den Sitz durch und sie zieht ihr T-Shirt an und dann den Bikini einfach aus. Die Vorstellung, dass sie nackt ist unter ihrem Shirt, lässt plötzlich mein Herz klopfen und sie reicht mir ihr Handtuch und ich ziehe meine Badehose aus und versuche, irgendwie meine Jeans anzuziehen, während sie so tut, als schaue sie in die andere Richtung.
Das Auto ist so klein und wir berühren uns immer wieder, und das Hosenbein meiner Jeans verhängt sich im Gaspedal und ich kann mich nicht nach unten beugen, weil das Lenkrad im Weg ist, und plötzlich beugt sie sich vor und ihr Gesicht berührt dabei fast meinen Penis, und während sie das Hosenbein befreit, spüre ich, wie mir das Blut langsam in die Lenden fließt, und kurz bevor ich eine Erektion bekomme, schaffe ich es endlich, die Hose ganz hochzuziehen und fahre los

STURM erscheint 2016 als Roman. Für Updates folgen Sie mir bitte auf Twitter: @PeeterCavendish

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