„STURM“ Die Leseprobe

Veröffentlicht: 15. Oktober 2016 in STURM
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Manchmal wird aus dem Wind, der uns im Leben entgegen bläst, ein kräftiger Sturm. Schlagen Sie den Kragen hoch, nehmen Sie sich einen Drink und halten Sie sich gut fest. Denn dieser STURM ist gnadenlos, hart und direkt.

Damit Sie sich einen ersten Eindruck verschaffen können, habe ich Ihnen ein paar Stellen aus meinem neuen Roman herausgepickt. Abgerundet mit Bildern, die ich teilweise an den Originalschauplätzen der Geschichte aufgenommen habe.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen – und hoffe natürlich, Ihr Interesse auf die ganze Story wecken zu können.

Ihr

Peeter Cavendish

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… Nach außen hin freilich tat ich völlig gelassen. Niemand durfte merken, wie aufgeregt ich war. Das wäre tödlich gewesen. Damals, als ich meine Firma gegründet hatte, noch alles alleine machte, war das egal. Aber heute war ich von lauter Topleuten umgeben, jeder hatte sein Spezialgebiet. Sie alle waren brillant, erfolgreich und hungrig. Und alle wollten nach ganz oben. Schwäche wurde gnadenlos ausgenutzt. Freundschaft existierte nicht. Respekt bekam nur, wer besonders brutal war. Wir waren Zombies. Wir schliefen nie, drehten immer im roten Bereich, nahmen uns, was wir wollten. Wir lebten schnell und unerbittlich. Und ich war der König unter diesen Killern. Ich hatte natürlich im Lauf der Zeit immer mehr Gesellschaftsanteile abgeben müssen, um die Firma immer noch größer und erfolgreicher zu machen. Aber ich ging dabei so vor, dass niemand an mir vorbeikam. Zumindest nicht, solange ich wach und vorsichtig blieb.

Die Konferenz war zu Ende, es gab nicht mehr viel zu sagen, jetzt würde alles seinen Lauf nehmen. Ich stand in meinem Büro und sah aus den raumhohen Fenstern auf die Stadt. Dieses Lichtermeer, das Ruhe ausstrahlte, fast schon Geborgenheit. Kurz stellte ich mir vor, wie Familien an Tischen saßen, zu Abend aßen, sich von ihrem belanglosen Tag erzählten. Eine Sehnsucht regte sich plötzlich in mir, unbestimmt, und es zog kurz in meinem Magen. Ich straffte mich, um dieses Gefühl abzuschütteln, das mir unangenehm war, und schenkte mir noch einen Drink ein …

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… Die letzte Firmenübernahme lief weiterhin problemlos ab und ich langweilte mich immer mehr. Die Abende verbrachte ich meistens in meinem Lieblingslokal, aß alleine, betrank mich danach in meiner Bar und hing meinen Gedanken nach. Diese Orte waren für mich, niemand aus der Firma kannte sie, hierher kam ich nur ohne Begleitung, wenn ich nachdenken wollte, oder, was häufiger der Fall war, wenn ich vergessen wollte. Wenn ich nicht zu betrunken war, ging ich danach noch in einen Club, in dem ich mir Sex kaufte. Anonymen, schnellen Sex, bei dem ich nichts denken musste, nichts sagen musste, bei dem ich nicht den Namen der Frauen kennen oder gar über irgendwelchen Blödsinn sprechen musste, der mich ohnehin nicht interessierte.

An einem dieser Abende war ich in meinem Lokal hängen geblieben. Ich hatte mir bereits zum Essen eine zweite Flasche Wein kommen lassen und mich danach mit einer Flasche Grappa endgültig abgeschossen. Es war ein Kampf gegen die Monster in meinem Kopf und wir probierten aus, wer stärker war, ob ich sie mit genug Alkohol ertränken, töten würde können, oder ob sie sich durchsetzten. Ich versuchte gerade, mir umständlich eine Zigarette anzuzünden, als sie plötzlich an meinem Tisch stand. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, hatte wieder ihre Haare hochgesteckt und sah mich ruhig an:
»Hallo Peeter.«
Ich musste zweimal hinsehen. Sie war unglaublich schön. Nicht hübsch, nicht süß, nicht attraktiv. Sie war einfach schön, perfekt, wie diese Models aus den Journalen, die man mit allerlei Tricks auf Hochglanz trimmt. Nur, sie war es in natura. Sie stand da und sah aus wie eine Göttin. Und ich war besoffen wie ein Penner. Ich konnte nicht glauben, dass ich sie ausgerechnet wieder traf, wenn ich in diesem Zustand war. Ich legte die Zigarette beiseite, versuchte möglichst nüchtern zu schauen und lächelte sie an:
»Vivian, wie schön! Bitte, setzen Sie sich.«
Sie nickte, zögerte einen Moment und nahm sich einen Stuhl. Ich winkte dem Kellner, bestellte uns zwei Drinks und wir schwiegen beide, bis die Getränke kamen. Dann spielte sie an ihrem Glas, nippte nur daran und sah mich schließlich voll an. Ihre Augen waren wie kalte Gebirgsseen, sie zeigten keine Regung, ließen auf nichts schließen, aber ich verlor mich in ihnen, wollte etwas sagen, da hob sie die Hand:
»Warum erkundigen Sie sich über mich?«
»Ich wollte Sie einfach wiedersehen.«
Sie zog die Augenbrauen hoch. »Und warum?«
»Weil Sie mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.« Erstaunlicherweise konnte ich wieder einigermaßen klar sprechen und ich hoffte inständig, dass sie nicht merkte, wie viel ich schon getrunken hatte.
Wieder zog sie die Augenbrauen leicht hoch, drehte das Glas in ihren Händen und dann lächelte sie leicht: »Soll ich Ihnen einen Kaffee kochen?«

Wir saßen in ihrem Jaguar und sie fuhr uns durch die Nacht. Die Bewegung des Autos sorgte dafür, dass sich alles um mich drehte, und mir war kotzübel, aber ich versuchte tapfer durchzuhalten. Ich wollte das nicht versauen, und ich klammerte mich unauffällig am Sitz fest, in der Hoffnung, dass er irgendwann aufhören würde, sich zu drehen. Eine Ampel sprang auf Gelb und sie fuhr viel zu schnell und erst wollte sie es noch schaffen, aber dann entschloss sie sich, doch zu bremsen, und der Ruck, den der Gurt auf meinen Magen ausübte, als der schwere Wagen so abrupt stehen blieb, gab mir den Rest. Ich schnallte mich ab, murmelte ein »Sekunde« und kam gerade noch aus dem Auto, bevor ich mir am Straßenrand die Seele aus dem Leib kotzte …

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… Die Nacht war mild und ich öffnete das Verdeck des Porsche und fuhr einfach los, ohne Plan, was wir tun sollten. Ich hatte keine Lust auf ein weiteres Lokal und direkt zu ihr zu fahren, erschien mir zu plump, und als ich sie gerade fragen wollte, ob sie meine Wohnung sehen möchte, sagte sie: »Es ist so warm, lass uns ein bisschen herumfahren, raus aus der Stadt.«
Ich nickte, wendete, und dann fuhren wir durch diese laue Nacht, und als die Landstraße durch ein Waldgebiet führte, sog ich den frischen Duft nach Kiefern tief in mich ein, und dann legte sie mir eine Hand auf den Schenkel. »Kannst Du mal halten, ich muss pinkeln.«
Ich bog in einen Waldweg ab, der nach ein paar Metern von einer Schranke versperrt war, und hielt. Sie sah mich von der Seite an: »Macht es dir was aus, mit rauszukommen, ich trau mich nicht alleine?«
Ich nickte und stieg mit ihr aus. Wir liefen um die Schranke herum, ich hatte die Scheinwerfer angelassen, und sie raffte ihr Kleid hoch und hockte sich hin, und scheinbar hatte sie gar kein Höschen an, und während ich ihr fasziniert zusah, blickte sie mich an und grinste: »Musst du nicht auch?«
Ich fand die Situation plötzlich geil und obwohl ich im Lokal auf der Toilette gewesen war, öffnete ich meine Hose und holte meinen Schwanz raus und ihre Augen bekamen einen seltsamen Glanz im Scheinwerferlicht und sie war wohl fertig, denn sie stand auf und stieg aus ihrem Kleid und stand nackt vor mir, mitten in diesem Wald im Nirgendwo.

Ihre Figur war atemberaubend, sie war groß, was mir erst jetzt so richtig bewusst wurde, als ich ihre langen Beine sah, die endlos zu sein schienen. Ich verhedderte mich in meiner Hose, die nach unten gerutscht war, als ich einen Schritt auf sie zumachte, aber sie kam mir entgegen und presste sich an mich und ich suchte gierig ihren Mund, und sie zu küssen war nochmals eine Steigerung zu dem, was ihre normalen Berührungen schon in mir ausgelöst hatten. Ich schob sie zurück zu der Schranke und drehte sie um, und sie fasste mit beiden Händen danach und beugte sich vor und dann endlich war ich in ihr. Ich hatte das Gefühl, meinen Penis in heiße Lava zu stecken. Ich zitterte schlagartig und stieß zu, und sie drängte mir ihren Arsch entgegen und dann fickten wir uns in diesem Scheißwald die Seele raus, bis wir beide schreiend kamen, und ich musste mich noch eine ganze Weile an ihr festhalten, weil meine Knie so wackelten, dass ich vermutlich einfach umgefallen wäre. Sie schmiegte sich an mich und so standen wir einfach da, während mein Samen langsam wieder aus ihr herauslief, und irgendwann lösten wir uns und zogen uns an und stiegen in den Wagen und dann rauchten wir schweigend eine Zigarette, bis ich endlich den Motor anließ und wir zurück in die Stadt fuhren …

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… Sie hatte mich hereingebeten und nun standen wir uns gegenüber, und einen Moment war ich aus dem Konzept und wusste nicht, ob die Idee tatsächlich so gut gewesen war. Sie sah mich immer noch fragend an und schließlich sagte ich:
»Kann ich dich für ein paar Tage buchen. Komplett, vierundzwanzig Stunden?«
»Wie meinst du das?«, sie klang unsicher, aber ihre Stimme hatte wieder diesen wundervollen melodischen Klang, der mir schon auf der Dachterrasse des Hotels aufgefallen war, neulich, bei einer unserer Partys, wo wir uns kennengelernt hatten.
»Ich muss ein paar Tage irgendwo wohnen, ich brauche Essen, und ein- oder zweimal ein Auto, um ein paar Dinge zu erledigen. Ich zahle dafür, ganz normal, deinen normalen Tarif.«
»Bist du in Schwierigkeiten?«
»Ein wenig. Aber ich habe nichts Schlimmes gemacht. Nur meine Frau, sie hat …«
»Sie hat dich rausgeworfen?«
»Ja. Aus unserem Haus, aus der Firma, das komplette Programm.« Ich überlegte kurz, ob ich es dabei beließ, dann ergänzte ich: »Und sie hat mir die Behörden auf den Hals gehetzt. Ich brauche einfach ein paar Tage, um nachdenken zu können.«
Sie sah mich lange an, dann nickte sie langsam: »Du kannst hierbleiben. Das ist okay. Du musst mich dafür auch nicht bezahlen. Ich bin die ganze Woche gebucht, ich werde eh nicht viel zu Hause sein.«

Ich hatte mich geduscht, endlich wieder mit heißem Wasser, rasiert und meine Unterwäsche und meinen Anzug direkt in den Müll gestopft. Jetzt saß ich mit meinen neuen Sachen auf ihrer Couch, rauchte und trank ihren Whiskey, den ich im Schrank gefunden hatte. Sie schlief nebenan, für sie war es Schlafenszeit, damit sie die Nacht durchhielt, wenn sie Arschlöchern wie mir dabei half, ihr beschissenes Leben für einen Moment im Rausch von Alkohol, Drogen und bezahltem Sex auszublenden.

Der Aufruhr in meinem Körper beruhigte sich langsam. Ich war aus der Schusslinie, vorerst nur, aber es war ein gutes Gefühl. Endlich konnte ich nachdenken, zumindest hatte ich das vor, aber die Augen wurden mir schwer und ich hatte Mühe, sie noch offen zu halten, und irgendwann ließ ich mich einfach seitlich auf das Sofa kippen und schlief ein…

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… Der Zug stand schon eine ganze Weile und ich blickte noch immer unentschlossen aus dem Fenster. Nachdem ich zuerst durch die kahle und verregnete Gegend gefahren war, die die letzten Jahre so etwas wie meine Heimat gewesen war, hatte das Bild langsam gewechselt. Zuerst waren nur hier und da ein paar Wiesen weiß eingezuckert, aber je weiter der Zug fuhr, umso höher lag der Schnee. Als wir uns schließlich die ersten Anhöhen der Alpen hinaufkämpften, hatte ich fasziniert auf die Berggipfel geblickt, die wie in Watte eingepackt alles an Geräuschen zu verschlucken schienen.

Mein Zug endete in Österreich und ich nahm sofort den nächsten, der verfügbar war, und kam diesmal bis Rom. Als der Zug sich langsam aus den Bergen hinunterwandt, wurden die Wiesen erst schmutzig braun, wechselten zu zartem Grün, um schließlich langsam so intensiv und tief zu leuchten, wie wir es bei uns nur im Sommer kennen. Als ich in Rom ankam, war meine Winterjacke schon viel zu warm und ich schwitzte, während ich versuchte, gleich wieder die nächste Möglichkeit zu finden, meine Reise fortzusetzen. Von hier aus konnte ich jeden erdenklichen Winkel ganz im Süden des Landes erreichen, und da es mir letztlich egal war, entschied wieder der Zug das Rennen für sich, der als erster weiterfahren würde.

Ich war noch einmal umgestiegen, in irgendeinen Bummelzug, der mich, so hatte es mir der freundliche Schaffner versprochen, bis ganz ans Meer bringen würde. Und nun standen wir an einem winzigen Bahnhof in irgendeinem verlassenen Nest und niemand wusste, warum wir nicht weiterfuhren. Die Station war mehr als in die Jahre gekommen. Die Fassade, ehemals terrakottafarben, war verwittert und überall blätterte der Putz ab. Die Bahnhofsuhr, die stolz auf einem kleinen Turm thronte, war längst stehen geblieben. Ich sah eine Eselskarre und traute meinen Augen nicht, dass es so etwas tatsächlich noch gab. Ein paar Stände waren aufgebaut, an denen Obst und Käse verkauft wurden. Ein paar Männer standen herum, rauchten und unterhielten sich gelassen. Kinder spielten auf der Straße Fußball und es parkten nur vereinzelt ein paar Autos. Ich hatte das Fenster geöffnet und die Luft, die hereinkam, roch bezaubernd nach irgendwelchen Kräutern, die ich nicht kannte, und nach Salz und Fisch – wir waren wohl tatsächlich inzwischen direkt am Meer. Die ganze Szene wirkte wie aus einem Sechzigerjahre-Film. Antiquiert, alt, morbid – aber gerade das machte den Charme aus. Es hätte mich nicht gewundert, wenn alles auch noch in Schwarzweiß gewesen wäre, passend zu meiner Vorstellung eines alten ’’Film noir’’. Ich sah aus den Fenstern auf der anderen Seite des Zuges, und dort erblickte ich eine Art Bistro, gegenüber dem Bahnhof. Es sah gemütlich aus, ein paar Tische standen draußen, ein paar Männer saßen dort, hatten einen Drink vor sich – die meisten ein Glas Wein – und alles wirkte so entspannt, so gelassen. Ich dachte, wie schön es wäre, jetzt ebenfalls dort zu sitzen und ein Glas Wein zu haben, und dann wurde mir klar, dass dem nichts im Wege stand, und so packte ich meine Sachen und verließ den Zug, um in dieses Lokal zu gehen.

Kaum war ich auf dem Bahnsteig, ertönte ein schriller Pfiff, und der Zug setzte sich stöhnend in Bewegung. Ich zuckte mit den Schultern. Fast schien es, er hätte nur gewartet, bis ich endlich ausstieg.

Ich betrat das Lokal, sie nannten es ’’Bar’’, aber es war mehr eine Mischung aus Kaffeehaus, Bistro und Kiosk. Ich sah, dass man Zeitungen und Zigaretten kaufen konnte, es gab kleine Snacks, die in einer Vitrine feilgeboten wurden, und eine lange Theke, dahinter ein hohes Regal, gut bestückt mit allen Sorten Alkohol, und das Prunkstück war ein Monster von Kaffeemaschine, chromglänzend, dominant, genau in der Mitte aufgestellt, die im Sekundentakt kleine Koffeinbomben ausspuckte.

Ich setzte mich an die Bar und der Wirt nickte mir freundlich zu. Ich bekam ein Glas Wein und während ich noch überlegte, was ich essen sollte, stellte er eine ganze Batterie an Snacks vor mich hin. Ich sah mich um, es war später Vormittag, aber einige Tische waren schon besetzt. Ein paar Männer spielten Karten, andere lasen Zeitung oder diskutierten lautstark über irgendetwas. Die Einrichtung war dunkel, aber ordentlich, es gab einige Stühle und Tische und auch ein paar schwere Sessel, die um kleine Kisten herumstanden, die als Ablagen dienten …

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… Am Hafen lerne ich Salvatore kennen. Er ist Fischer. Manchmal, wenn es auch am frühen Morgen nicht klappt, dass ich doch etwas schlafen kann, laufe ich zur Mole und sehe den Fischerbooten zu, die nach einer langen Nacht auf See wieder einlaufen. Fast alle Boote sind alt und verrostet und klein und scheinen unter der Last des Fangs fast zu kentern. Auf den meisten Booten sind mehrere Leute und ich habe den Eindruck, es sind immer Vater und Sohn, und manche haben wohl auch eine kleine Mannschaft. Eins der Boote ist jedoch nur mit einem Mann besetzt. Er steht am Steuer, groß und kräftig, und kommt meist als Letzter rein. Ich sitze auf einem Poller, rauche und lasse die Szenerie auf mich wirken, als er mich anspricht: »Wollen Sie Fisch kaufen?«
Ich zucke mit den Schultern: »Ich weiß nicht. Nein, eigentlich nicht. Ich koche nie selbst.«
Er schaut mich an und ich mustere ihn. Sein Alter ist undefinierbar, sein Gesicht sieht aus wie Leder, besonders zähes Leder, tiefe Furchen, konserviert von Salz und Wind und einem vermutlich schon sehr langen Leben. Nur seine Augen sind jung. Sie blicken mit einer Klarheit umher, flink und eindringlich, als scannten sie in Sekundenschnelle alles und jeden. Er überlegt kurz, dann fragt er mich: »Wollen Sie mal einen probieren?«
Ich verstehe nicht, was er damit meint, und blicke ihn fragend an.
»Kommen Sie. Ich grille uns ein paar Fische. Frischer kriegen Sie die nirgends.«
Ich zögere kurz, zu skurril ist die Situation, aber dann zucke ich wieder mit den Schultern und klettere zu ihm an Bord.

Das Boot ist größer, als es aussieht, eine kleine Treppe führt nach unten und ich sehe eine Art winzigen Schlafraum, scheinbar wohnt er auf seinem Schiff. Die Fangbehälter sind randvoll mit allerlei Fischen und an Deck kokelt ein kleiner Grill vor sich hin, den ich von der Mole aus gar nicht bemerkt hatte. Er wählt ein paar aus und zeigt sie mir und ich nicke anerkennend.
»Willst du sie ausnehmen?«, fragt er mich, und ich schaue ihn blöde an und er lacht, ein raues Lachen, wie aus einem Film, und er schüttelt den Kopf und grinst:
»Du lebst noch nicht lang am Meer, oder?«
»Nein. Noch nicht sehr lang.«
»Willst du es lernen?«
Ich nicke und dann zeigt er mir, wie man den Fisch ausnimmt, und zuerst finde ich es eklig, aber dann reiße ich mich zusammen, denn eigentlich sollte man alles, was man ißt, auch selbst zubereiten können, und plötzlich beneide ich ihn. Um sein Leben, das er in meiner Vorstellung führt. Den festen Rhythmus, den er hat, den ihm das Meer und die Gezeiten vorgeben und dem er folgt.

Er hält mir den zweiten Fisch hin und während ich unter seinem kritischen Blick beginne, ihn aufzuschneiden, greift er hinter sich und holt eine Flasche Wein hervor und zwei Gläser und schenkt uns ein.

Dann grillt er die Fische, er reibt sie dazu nur mit etwas Olivenöl ein und gibt ein paar Kräuter und etwas Salz hinzu. Sie schmecken herrlich und wir essen und trinken seinen Wein und für einen Moment vergesse ich meine Gedanken und sitze mit diesem Fremden, der mir so seltsam vertraut scheint, auf einem schaukelnden Boot, esse und genieße den Wein.

Er stellt keine Fragen, woher ich komme und warum ich ausgerechnet hier gelandet bin, und eine Weile schauen wir aufs Wasser und sprechen gar nichts. Irgendwann frage ich ihn, wie es ist, nachts, draußen auf dem Meer, und er erzählt mir von den langen Stunden, meist in absoluter Finsternis, von der Hoffnung auf einen guten Fang, von der Angst, wenn das Meer rau und unerbittlich ist. Von den vielen Freunden, die nicht mehr zurückkamen und deren Boote nie gefunden wurden, er erzählt es einfach so, ohne Theatralik oder Effekthascherei. Es ist einfach seine Geschichte, und ich sitze da und biete ihm von meinen Zigaretten an und höre ihm fasziniert zu …

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… Wir liegen auf dem Bett und das Mondlicht taucht das Zimmer in kaltes schwarzes Licht. Normalerweise bin ich ungeduldig, hastig, will es schnell und hart, will nur das Vergessen endlich finden. Sie liegt in meinen Armen und ich blicke sie an. Sie ist wunderschön, ich verliere mich in ihrem Gesicht, meine Hände erkunden ihren Körper. Sie hat wundervolle Brüste, groß und schwer und weich und durch ihre Jugend straff und aufregend. Ihre Brustwarzen sind hell und ihre Nippel klein und hart. Ich zögere lange, sie zu berühren, ihren Busen anzufassen. Ganz vorsichtig streichle ich ihn und dann küsse ich ihn, und als ich ihre Nippel in den Mund nehme, richten sie sich steil und hart auf, und sie stöhnt kurz und dann fasst sie nach mir, und plötzlich bin ich in ihr und sie ist heiß und feucht und ich bewege mich ganz langsam, höre immer wieder kurz auf, um es auszukosten, und immer wieder muss ich sie küssen und sie presst sich an mich, und als ich in ihr komme, ist es nicht wild und heftig, wie sonst, sondern ruhig und lange, und mir wird fast schwindlig davon, so unglaublich intensiv spüre ich es, und sie stöhnt auch und dann halten wir uns einfach fest und können uns nicht voneinander lösen, und dann schlafe ich irgendwann einfach ein.

Die Sonne weckt mich und einen Moment lang bin ich völlig ohne Erinnerung, doch dann fällt mir die Nacht wieder ein und ich muss lächeln und greife neben mich, aber das Bett ist leer und sie ist fort, und zum ersten Mal bekomme ich fast Angst, sie könnte gegangen sein. Ich schlüpfe in eine Hose und beeile mich, nach unten zu kommen. Auch im Wohnzimmer und in der Küche kann ich sie nicht finden, und gerade als sich ein dunkler Schatten in meinen Kopf schieben will, schaue ich aus dem Fenster und da sitzt sie, am Strand, ganz oben auf den Dünen, direkt am Haus, und hat die Arme um die Knie geschlungen und starrt aufs Meer.

Ich koche Kaffee und fülle zwei Tassen und dann gehe ich raus zu ihr und halte ihr die Tasse hin: »Guten Morgen.«
Sie sieht auf, und ihr Blick ist leicht verlegen und sie lächelt wieder scheu, und dann nimmt sie die Tasse: »Danke!«

Ich setze mich neben sie in den Sand und zünde mir eine Zigarette an, und dann sitzen wir da und schauen aufs Wasser und keiner weiß so recht, was er sagen soll. Gelegentlich nimmt sie mir die Zigarette aus der Hand, macht einen Zug und blickt dann dem Rauch hinterher.

Die ersten Fischerboote sind zu sehen, die Kurs auf den kleinen Hafen nehmen, und ein Schwarm Möwen begleitet als Konvoi kreischend die Ankunft. Das Meer hat sich beruhigt und plätschert träge ans Ufer, und alles wirkt plötzlich so vertraut und ich lege meinen Arm um sie, und sie kommt mir sofort entgegen – so als hätte sie darauf gewartet – und schmiegt ihren Kopf an mich, und zum ersten Mal, seit ich hier bin, muss ich es wissen, und ich schlucke zwei- oder dreimal und dann frage ich sie: »Du hast mir deinen Namen noch gar nicht gesagt?«
Sie blickt mich an und ihre grünen Augen bekommen einen Glanz, und dann lächelt sie und sagt: »Ich dachte schon, du fragst mich nie. Ich heiße Amelie.«

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… Ich nehme die Fische aus und bereite Wasser für die Nudeln vor und den Sud für die Muscheln, und dann heize ich meinen Grill an, was nicht einfach ist, weil ich ihn noch nie benutzt habe, seit ich hier wohne, aber endlich brennt er, und der Qualm zieht durch den hohen Kamin über das Dach ab, und ich setze mich auf die Veranda. Ich nippe gelegentlich an meinem Rum und als das Glas leer ist, hole ich mir die Flasche nach draußen und rauche, und dann starre ich über die Hügel nach unten, wo die ungeteerte Straße beginnt, die sie heraufkommen muss, und warte darauf, dass ich eine Staubwolke sehe.

Ich muss wieder eingenickt sein, denn ich schrecke hoch, als mein Fiat mit knirschenden Reifen vor der Veranda hält. Amelie steigt aus und sie hat sich umgezogen und trägt knappe Shorts und ein Top, und ich denke, sie ist perfekt gekleidet für mein Barbecue. Sie strahlt mich an und wir küssen uns, und dann halte ich sie an den Händen und schaue in ihre Augen, und alle Ängste, die ich tagsüber gehabt hatte, sind plötzlich weg, und ich fühle mich klar und frisch, und dann schenke ich ihr ein Glas Rum ein und sie erzählt mir von ihrem Tag, als würden wir uns schon ewig kennen.

Ich hatte uns die Nudeln gekocht und mit Garnelen und Muscheln serviert und danach den Fisch auf den Grill geworfen, und sie aß mit großem Appetit und wir tranken zwei Flaschen Weißwein, und sie erzählte mir von ihrem Leben und ihrer Familie, und immer wenn sie mir Fragen stellte, wich ich ihr aus und wechselte schnell das Thema, und als sie mich ganz konkret fragte, warum ich hier gelandet sei, log ich und sagte, ich sei Schriftsteller und würde nach Ideen für ein neues Buch suchen. Sie gab sich damit zufrieden und als der Wein alle war, holte ich uns Grappa und diesen süßen Zitronenlikör, den es hier überall immer nach dem Essen gibt, und wir tranken weiter und dann schauten wir der Sonne zu, wie sie im Meer versank, und ich schlug vor, an den Strand zu gehen. Sie stand auf und dann knickte sie etwas ein und ich fing sie auf, und als ich ihren Körper spürte, wurde mir wieder ganz warm und ich nahm sie in die Arme. Ich fuhr mit meiner Zungenspitze die Konturen ihrs Mundes nach und dann küssten wir uns, lange und ruhig zuerst, bis wir beide immer erregter wurden, und ich hatte meine Hände auf ihren Pobacken liegen und sie presste ihren Unterleib gegen mich, und dann ließ ich mich nach unten in die Knie sinken und knöpfte ihre Shorts auf und streifte sie ihr ab. Wie gestern, trug sie kein Höschen und sie war rasiert, was ich normal nicht mochte, aber bei ihr gefiel es mir, und ich ließ meine Zunge zuerst sanft um ihre Schamlippen kreisen, bevor ich ganz tief in sie glitt, und sie stöhnte auf und zog meinen Kopf so fest in ihren Schoß, dass ich fast nicht mehr atmen konnte, aber das war mir egal, ich brauchte keine Luft mehr, und in ihrem Schoß zu ersticken, wäre mir in diesem Moment das Liebste gewesen. Schließlich löste ich mich etwas und schob mich wieder nach oben, sie hatte ihr Top bereits ausgezogen und ich ließ meine Zunge und mein nasses Gesicht dabei über ihren Bauch und ihre vollen großen Brüste streifen und machte sie überall auch ganz nass. Sie nestelte an meiner Hose und als ich sie endlich ausziehen konnte, stellte sie ein Bein hoch, auf die untere Latte des Verandazauns, und ich drang in sie ein, und diesmal wollten wir es beide hart und schnell, und als wir dann laut stöhnend gleichzeitig kamen, war es trotzdem anders als sonst, trotzdem zärtlich, weil wir uns nicht voneinander lösten, sondern uns einfach aneinander festklammerten, und so standen wir endlos und sie atmete feucht gegen meinen Hals, und ich küsste sie ab und zu in den Nacken und wir hielten uns weiter einfach aneinander fest.

Später lagen wir auf meinem Bett, draußen war ein Gewitter aufgezogen und immer wieder zuckten grelle Entladungen über den Himmel und tauchten das Zimmer für Sekunden in gleißendes Licht, und man brauchte dann jeweils immer ein paar Augenblicke, bis man wieder etwas sehen konnte. Den Blitzen folgten so gewaltige Donner, dass das Haus jedesmal in seinen Grundmauern erzitterte, und man konnte gar nicht den Abstand dazwischen zählen, weil das Unwetter direkt über uns war, und der Lärm war so ohrenbetäubend, dass ich jeden Gedanken verlor, und wir lagen einfach engumschlungen und bestaunten dieses Naturschauspiel.

Als das Gewitter etwas weiterzog, liebten wir uns wieder, diesmal ruhig und lange und unaufgeregt, und es war einfach nur diese Nähe, die mir so guttat, und als wir erschöpft voneinander ließen, hielt ich sie weiter im Arm, bis ihre Atemzüge regelmäßig und ruhig wurden, und dann stand ich vorsichtig auf und ging nach unten, um, wie die meisten Nächte, auch diese wach und unruhig zu verbringen.

Nach dem Gewitter hatte Regen eingesetzt, es goss unbeschreiblich, und ich stand an der offenen Terrassentüre, an den Rahmen gelehnt, und trank ein Bier aus der Flasche, während ich in die Nacht und den Regen starrte und an gar nichts dachte …

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… Der Tag war grau und dicke schwarze Wolken hingen tief über dem Meer. Die Luft war salzig und roch nach Tang. Ich lief meine übliche Runde am Strand und musste ständig Treibholz ausweichen, das das Unwetter in der Nacht ans Ufer gespült hatte. Ein Schwarm Möwen hatte sich vor mir im Sand festgesetzt, an einer Stelle, an der ein ganzer Haufen toter Fische lag. Sie machten mir nur widerwillig Platz, hielten mich für einen Konkurrenten, der ihnen ihre Beute streitig machen wollte. Es roch streng, der Fisch verweste schon in der noch immer lauen Luft. Ich versuchte, ganz flach zu atmen, und beeilte mich, die Stelle zu passieren.

Amelie hatte früh losgemusst nach unserer Nacht, und ich hatte ihr wieder meinen Wagen gegeben. Sie würde ihn, wie gestern, zurückbringen, und das wäre dann schon der dritte Abend, den wir zusammen verbrachten. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Sie zog mich unglaublich an, aber ich hatte auch Angst. Angst vor der Nähe, Angst, vor den Gefühlen, die ich für sie entwickelte. Kurz schob sich das Gesicht von Vivian vor meine Augen. Vivian. Es war so lange her, inzwischen, aber es verging immer noch kein Tag, an dem ich mich nicht erinnerte. Erinnerte an sie, an mein Leben, an alles, wie es gewesen war, als ich noch jeden Tag wusste, was ich zu tun hatte. Nicht morgens schon angeödet war von der Vorstellung, dass ein weiterer Tag begann, den ich irgendwie herumbringen musste, und das mit der Gewissheit, dass ein weiterer dieser öden Tage folgen würde und noch einer und immer so weiter. Ich hatte bis jetzt keinen Plan entwickelt, was ich eigentlich tun wollte. Anfangs hatte ich gedacht, ich bliebe für ein paar Wochen, erhole mich, lecke meine Wunden und kehre dann zurück, hole mir zurück, was mir gehört. Meine Firma, mein Leben, Vivian. Ja, vor allem Vivian.

Langsam erreichte ich den Rand des Ortes mit seinen ersten Ausläufern und ich musste nur vom Strand weg nach oben laufen, um zu meiner Bar zu kommen. Ich warf einen langen Blick auf das Meer, das trüb und schmutzig grün wütend weiter hohe Wellen produzierte, und ganz obenauf bildeten sich weiße Schaumkronen, und der Horizont war nicht zu sehen, er lag verborgen im Nebel, den Wolken und der Gischt.

Ich betrat die Bar und nickte dem Wirt zu, der mir unaufgefordert einen Krug mit Rotwein befüllte und vor mich hinstellte. Ich zündete mir eine Zigarette an und dann verließ ich meinen Platz an der Bar und setzte mich ans Fenster, von dem aus man das Meer sehen konnte, und während ich in die Ferne starrte, spulten in meinem Kopf immer wieder Bilder ab, von damals, einzelne Sequenzen nur, Erlebnisse, die ich mit Vivian gehabt hatte, unser erstes Mal in diesem Wald, an der Schranke, unsere spontane Hochzeit, die Zeit danach, als ich zur Höchstform aufgelaufen war und überall mitmischte, geschäftlich, in der Gesellschaft und auch, ja, bei anderen Frauen, von denen ich doch nie ganz die Finger hatte lassen können, auch nicht, als ich dachte, mit Vivian endlich die Frau gefunden zu haben, die ich immer gesucht hatte. Der viele Alkohol, die Drogen, Hotelzimmer blendeten sich ein, wilde Partys, ja, eher Orgien, die wir gefeiert hatten.

Ich trank langsam den Krug leer und der schwere Wein wärmte erst den Magen und dann packte er meine Erinnerungen in Watte, gerade noch rechtzeitig, bevor ich an die Stelle kam, als alles kaputtging, alles zerbrach, als Vivian ausgeholt hatte, mich zu vernichten…

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… Ich wachte auf und war mir sicher, dass es schon Vormittag sein musste, aber es war noch dunkel im Zimmer und ich brauchte eine Weile, bis ich kapierte, dass es an den Wolken lag, die sich hartnäckig hielten und keine Sonne durchließen. Das Bett neben mir war leer und nach ein paar Anläufen schaffte ich es, meinen Blick so weit zu fokussieren, dass ich meine Uhr ablesen konnte, und tatsächlich, es war bereits elf vorbei. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so lange am Stück geschlafen hatte, und ich versuchte, die Bilder von der letzten Nacht in meinen Kopf zu bekommen, aber es gelang mir nicht.

Als ich aufstand, wurde mir kurz schwarz vor Augen, und ich stieß mit dem Fuß gegen eine Weinflasche, die klirrend auf den Fliesenboden kippte und dann wegkullerte. Eine zweite Flasche lag leer neben dem Aschenbecher. Ich ging ins Bad und hielt den Kopf unter kaltes Wasser und zog ihn dann schnell zurück, als ich merkte, dass zuerst nur eine sandige Brühe aus dem Hahn lief, was normal war, nach so einem Unwetter.

Als ich in der Küche saß, Kaffee trank und rauchte, fiel mir langsam der Abend wieder ein. Wir hatten am Fenster gestanden und irgendwann hatte sie mich gefragt: »Wie lange bist du schon hier, in diesem Ort?«
»Es sind bald drei Jahre.«
Sie nickte, trank einen Schluck Wein. Dann sah sie mich von der Seite an: »Und vorher, wo warst du vorher?«
»In Frankfurt.« Auch ich trank etwas Wein. »Zumindest die letzten Jahre«, schob ich hinterher.
Wieder nickte sie und ich spürte, dass sie viele Fragen hatte, aber nicht wusste, wie sie sie stellen sollte oder ob sie die Antworten überhaupt wissen wollte, und plötzlich stieg eine leichte Panik in mir auf, Panik, sie zu verlieren, und Panik, etwas falsch zu machen, und ich zitterte und wieder überfluteten mich all die Bilder aus meinem früheren Leben, und dann griff sie nach meiner Hand und schob mich zum Bett. Sie zog mir die Hose aus und begann mich zu küssen, überall, kleine leichte Küsse, die auf der Haut kitzelten, und irgendwie erwischte sie genau immer die Stellen, an denen meine Anspannung am größten war, und meine Muskeln begannen sich zu lockern und ich entspannte mich immer mehr, und schließlich war sie in der Mitte angekommen und sie nahm ihn in den Mund und ließ ihre Zunge sanft kreisen und massierte dabei leicht meine Eier, und ich vergaß plötzlich alles und jeder Gedanke verschwand, und als mein Kopf ganz leer war, ergoss ich mich in ihren Mund, und sie küsste und liebkoste meinen Schwanz noch eine ganze Weile, bis auch er ganz schlaff und entspannt war, und dann musste ich eingeschlafen sein.

Später ging ich nach draußen, um zu sehen, ob das Unwetter Schäden angerichtet hatte, aber es schien alles in Ordnung und trotz des Regens lief ich ein paar Meter in Richtung Strand, und dann stand ich auf der Düne und versuchte, das Meer vom Himmel zu unterscheiden, was unmöglich war, weil beides grauschwarz ineinander überging, und ich dachte, dass ich bald verrückt würde, wenn ich nicht endlich wieder die Sonne sehen könnte. Ich stand endlos lange einfach so da, versuchte, die Gedanken zu unterdrücken, und ließ mir den Regen ins Gesicht peitschen. Und als ich lange genug so dagestanden hatte, fingen meine Tränen an, sich mit den Regentropfen zu vermischen, und ich ließ es einfach zu und blieb weiter stehen …

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… Ich verlegte meine langen Strandrunden auf den späten Nachmittag. Es gefiel mir, auch wenn Amelie alleine zur Arbeit fuhr, am Vormittag in den Ort zu gehen und bei Franco zu frühstücken. Bei ihm lief ich nicht Gefahr, so viel Schnaps zu trinken wie in meiner kleinen Hafenkneipe, und außerdem hatte ich plötzlich das Bedürfnis, wieder mehr unter Menschen zu sein, wieder am Leben teilzunehmen. Früher war ich meist nur einmal die Woche dort gewesen, wenn Markt war, um einzukaufen, und ansonsten lieber in der Abgeschiedenheit meines Hauses und am Strand geblieben.

Jetzt kaufte ich mir ein paar Zeitungen, dann setzte ich mich an meinen Tisch und Franco brachte mir nach und nach meine Getränke. Wenn Amelie abends nach Hause kam, fuhren wir meistens irgendwohin, um zu essen, oder liefen einfach am Strand entlang, redeten viel und lernten uns immer besser kennen. Nur zu meiner Vergangenheit stellte sie nie mehr Fragen und so beließ ich es bei dem, was ich ihr erzählt hatte, und mein früheres Leben und Vivian wurden immer mehr zu gesichtslosen Geistern, die es fast nie mehr schafften, bis zu mir vorzudringen.

Es waren erst einige Tage vergangen seit dem Abend in der Kneipe, aber mir kam es bereits jetzt schon vor, als wäre mein Leben immer so gewesen. Ich richtete mich darin ein, als würde es nie mehr anders sein können, und genoss es in vollen Zügen.

Doch, wie im Leben, so ändert sich auch am Meer alles ganz schnell. Die ersten Vorboten des Herbstes kamen mit Wolken und einem neuen Sturm. Ich fuhr trotzdem in den Ort, ich wollte diese Veränderung nicht, wollte an meinem Ritual festhalten. Es war zu windig, um draußen zu sitzen, und so suchte ich mir einen neuen Stammplatz im Lokal. Franco stand hinter der Theke, polierte hingebungsvoll mit einem Lappen darauf herum und ich hatte ein Dröhnen in den Ohren und mir war komisch. Ich musste schon den ganzen Morgen immer wieder an eine Szene denken, von damals, als ich Vivian gerade geheiratet hatte und anfing, mein Leben zu mögen. Und wie dann alles plötzlich kaputtging. Damals hatte ich auch dieses Dröhnen gespürt, wie einen Vorboten, der nichts Gutes verheißt.

Franco brachte meinen Kaffee, nickte mir zu und stand dann unschlüssig an meinem Tisch.
Ich sah ihn fragend an: »Was ist. Passt dir das Wetter jetzt auch wieder nicht?«
Er grinste kurz, ganz flüchtig, dann sah er mich an: »Es war jemand hier, Peeter, hat nach dir gefragt. Er hat ein Foto von dir herumgezeigt …«
Mir war plötzlich kalt, eisig kalt, von innen heraus. Sie hatten mich also gefunden!

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Cover-Gestaltung Mona Mour, Fotos: (c) shutterstock

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Il Colonnello – HEAT

Veröffentlicht: 1. August 2018 in night & day
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Die Hitze im Ort kotzte mich schon an, als ich noch nicht einmal ganz aus dem Zug gestiegen war. Die Luft staute sich in den engen Gassen wie eine Scheibe alter vergammelter Käse und war zum Schneiden dick. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, warum ich die Idee, den Auftrag anzunehmen, irgendwann gut gefunden hatte, aber ich konnte mich nicht erinnern. Der Bahnhof war noch viel abgefuckter, als ich ihn in Erinnerung hatte, und die Nutten rochen nach billigem Deo, Schweiß und Alkohol. Ich ignorierte die Taxifahrer, die mich bedrängten, um mich dann auf der Fahrt mit endlosen Umwegen abzuzocken, und lief stattdessen zu Fuß, bis ich die schäbige Absteige erreichte, die es tatsächlich immer noch gab, obwohl ich so lange nicht mehr hier gewesen war.
Der Typ an der Rezeption sah aus wie ein Junkie, aber vielleicht waren das an seinen Armen auch nur Mückenstiche, jedenfalls waren seine Arme so entzündet, dass man es nicht unterscheiden konnte. Er blickte nicht einmal auf, als ich ihm einen Geldschein hinstreckte, sondern schob mir nur einen der Schlüssel zu, die auf dem Tresen lagen. Ich fragte gar nicht weiter, die Zimmer waren eh alle scheiße, es war ganz egal, welches er mir gab.
Ich stieg in den zweiten Stock hinauf und als ich meine Türe aufsperren wollte, fand ich sie nur angelehnt. Instinktiv griff ich nach hinten an meinen Hosenbund, aber ich trug ja keine Waffe mehr, seit ich nicht mehr im Dienst war, und wieder ärgerte ich mich, dass es mir noch immer passierte, dass ich danach greifen wollte.
Das Zimmer war natürlich leer und die Luft stickig und ich öffnete das Fenster, was aber nur dazu führte, dass von draußen noch heißere und schwülere Luft hereinströmte.
Die Tagesdecke auf dem Bett war grau und verschlissen und als ich sie zurückschlug, sah ich die vergilbten Laken mit noch mehr Rissen und so deckte ich sie wieder darüber und ging ins Bad. Das Klo war mit Urinstein zugesetzt und das Fenster klemmte, aber es stand gerade so weit offen, dass jede Art Ungeziefer jederzeit nach Belieben rein oder raus konnte. Ich drehte den Wasserhahn auf, aber es tropfte nur etwas braune Brühe heraus und so ging ich zurück ins Zimmer, zündete mir eine Zigarette an und legte mich auf das Bett, das so weit durchhing, dass ich dachte, ich läge in einer Hängematte.

Ich hatte mein Handy auf den Nachttisch gelegt und auch versucht, das Ladegerät anzustecken, aber scheinbar hatte jemand die Steckdose für zuhause benötigt und einfach ausgebaut und nur die Drähte offen aus der Wand hängen lassen. Ich rauchte ein paar Zigaretten, aschte einfach auf den Boden, weil es natürlich keinen Aschenbecher gab, und es in diesem Dreckloch sowieso egal war, und drückte die Kippen jeweils einfach am Bettgestell aus und schnippte sie dann in eine Ecke des Zimmers.

Dreißig Jahre als Cop hatten mich Geduld gelehrt und so lag ich einfach da, starrte an die Decke und dachte an gar nichts. Mit den Stunden wurde das Licht im Zimmer immer diffuser, die Sonne war abgewandert, aber das bedeutete noch lange nicht, dass es abkühlte, im Gegenteil, jetzt spielte der Asphalt vor dem Haus seinen Joker aus und gab die Hitze des Tages, die er gespeichert hatte, langsam an die Luft ab.

Ich verfluchte Ricardo, diesen Wichser, dass er sich wieder darauf eingelassen hatte, zu dealen, und natürlich wie immer so schnell in der größten Scheiße gelandet war, die er alleine nie mehr hätte ausbaden können.

In eine der Glasscheiben der Fenster war ein Ventilator eingebaut, der sich träge drehte, und jetzt, als draussen langsam die Lichter angingen, warf irgendeine Neonreklame ihr Licht in die Rotoren, das sich darin brach und lustige Muster an die Wand warf. Die Geräusche der Stadt, die langsam erwachte und die Menschen nach draußen lockte, um vermeintlich etwas Abkühlung zu finden, lullten mich ein und irgendwann fielen mir trotz aller Anstrengung die Augen zu.

2.

Niemand kann sich vorstellen, wie riesig die Mündung einer Automatik aussieht, solange er noch keine auf sich gerichtet gesehen hat. Ich starrte in das schwarze Loch und bildete mir ein, die Patrone zu sehen, die ein hämisches Grinsen aufgesetzt hatte, in der Vorfreude, gleich in mich einzuschlagen. Sie hatten mir beide Waffen abgenommen, die aus dem Holster im Gürtel und die, die ich an der Wade versteckt trug. Der Schweiß lief mir in Sturzbächen den Rücken hinunter, während ich darum kämpfte, die Panik in mir zu verdrängen und nach einer Lösung suchte, wie ich hier noch einmal heil davonkommen könnte. Er hielt die Waffe ganz ruhig, ein amüsiertes Lächeln spielte um seinen Mund, er war Profi durch und durch und genoss die Situation förmlich. Klar, einen hochrangigen Bullen wie mich umzulegen, schaffte nicht jeder, und da wir hier am Hafen waren, würde er mich danach auch elegant verschwinden lassen, so dass er damit durchkommen würde.

Einer Kugel auszuweichen, die aus so kurzer Distanz auf einen abgefeuert wird, ist quasi unmöglich. Wenn sich der Finger am Abzug krümmt, ist es zu spät, dann schafft man es nicht mehr. Bewegt man sich zu früh, wenn der Schütze noch entspannt ist, hat man auch keine Chance. Auf zwei Meter kann er immer noch reagieren und tödlich treffen. Nein. Die einzige Möglichkeit, die es gab, war den Moment abzuwarten, den Augenblick zu erwischen, wenn er gerade überlegte, wohin genau er den Schuss platzieren wird. Die Millisekunde, bevor er abdrückt, wenn er sich festgelegt hatte, dann hat man den Hauch, den minimalen Hauch einer Chance, sich aus der Flugbahn zu werfen. Wie beim Elfmeterschießen. Da wartet der Schütze genau, bis er merkt, der Torwart hat sich für eine Ecke entschieden, und nutzt den Moment aus. Nur, die Kugel wird einen trotzdem erwischen. Es geht nur darum, dass sie einen nicht tötet.
Ein Schweißtropfen löste sich von meiner Stirn, rann durch meine Augenbrauen und von dort über mein Augenlid und tropfte schließlich auf meine Wange und lief über meine Backe. Er hatte es nicht gesehen und jetzt dachte er, es wäre eine Träne und sein Lächeln wurde höhnisch. Es amüsierte ihn, dass ein harter Hund wie ich heulte, und dann merkte ich an seinen Augen, dass er gleich abdrücken würde.
Ich hatte mein ganzes Gewicht unauffällig auf mein rechtes Bein verlagert und als ich sicher war, dass er gleich schießen würde, katapultierte ich mich mit aller Kraft nach links, um durch das geschlossene Fenster zu hechten. Ich wusste, dass er mich erwischen würde, und ich versuchte, mich so gut ich konnte, auf den Schmerz vorzubereiten, der mich gleich durchfahren würde. Viele Kollegen hatten mir im Lauf der Jahre zu beschreiben versucht, wie es sich anfühlt, wenn einen eine Kugel erwischt. Aber nichts von dem, was ich mir bisher darunter vorgestellt hatte, kam auch nur annähernd an den Schmerz heran, den ich fühlte, als mich die Kugel an der rechten Schulter traf.
Zum Glück hatte er sich, als ich sprang, mit mir gedreht und so traf mich das Geschoss in einem günstigen Winkel und das schwere Kaliber beschleunigte meinen Sprung. Das Fenster war aus einfachem Glas und ich hatte gehofft, der Rahmen wäre so morsch wie der Rest dieses alten Hafengebäudes, eine riesige Holzhalle, die seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wurde.
Die Kugel traf mich genau, als ich durch die Scheibe flog. Der Schmerz dröhnte durch meinen Körper und alles schien sofort still zu stehen. Wie eine Slow-Motion-Aufnahme sah ich die Glassplitter herunterrieseln, sie schwebten wie dicke, fette Schneeflocken sanft vom Himmel und auf einmal war ich wieder ein Kind und in den Bergen im Urlaub, stand am Fenster der Blockhütte meines Großvaters und sah dem Schnee draußen zu, während im Kamin ein heimeliges Feuer prasselte, gelegentlich unterbrochen von einem Knall, wenn das Holz der dicken Scheite barst. Der Knall! Er hallte in meinen Ohren nach, in einem unendlichen Echo, und plötzlich schüttete mein Biosystem alles an Adrenalin aus, was es nur verfügbar hatte, und mein Herzschlag ging mit einer maximalen Frequenz in den dunkelroten Bereich. Irgendwie schaffte ich es, zu denken, hoffentlich hat er keine Arterie getroffen, denn bei diesem Puls würde sich mein gesamtes Blut in wenigen Sekunden komplett aus meinem Körper pumpen.
Und dann kam der Schmerz, der bisher nur in meiner Vorstellung existiert hatte, als wolle mein Körper mich darauf vorbereiten, durch die Nervenbahnen in meinem Gehirn an, und die Zeitlupe endete abrupt. Ein Gefühl, als trennte mir jemand mit einer Kettensäge den Arm ab, so beschreibe ich es noch heute, und dann, dann war ich endlich durch das Fenster und fiel gut vier Stockwerke tief, bis ich in der Hafenmole aufschlug und das Wasser und der Schmerz und der Schock mir gnädig das Bewusstsein nahmen.

Ich schreckte schweißgebadet hoch und brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass ich nur geträumt hatte, den immer gleichen Traum, seit mich die Kugel erwischt hatte. Das Zimmer war jetzt wieder heller, draußen waren inzwischen alle Lichter angegangen und eine Reklametafel warf ihr fahles Licht durch die Fenster und tauchte den Raum in ein schwarzweißes, grell diffuses Licht und machte mich damit irgendwie zum Darsteller in einem alten Film Noir.

Im Nachbarzimmer war es laut geworden. Scheinbar stritt eine Nutte mit ihrem Freier, ich nahm das automatisch an, denn kein normales Paar wäre freiwillig in diesem Loch abgestiegen, noch nicht mal Paare, die nicht gesehen werden wollten. Hierher kamen nur Nutten und Junkies, stundenweise, und Freier, die zu besoffen waren, um noch viel wahrzunehmen.
Scheinbar hatten sich die beiden geeinigt, denn jetzt hörte man das Bett rhythmisch quietschen und während der Mann laut grunzte, hörte ich sie professionell stöhnen, unterbrochen von ein paar lapidaren Anfeuerungsrufen, wie toll er sei.
Ich zündete mir eine weitere Zigarette an und dann holte ich den Flachmann aus meiner Tasche, den ich vorsorglich mit Whiskey gefüllt hatte, und nahm einen tiefen Schluck.
Die Kippen, die ich alle in eine Ecke geschnippt hatte, ergaben schon einen stattlichen Haufen und seufzend zündete ich meine letzte Zigarette an und sah dann wieder auf mein Handy, ob ich vielleicht doch den Anruf verpasst hatte, auf den ich wartete.
Nebenan wurde es wieder laut. Die Frau schrie auf und kurz danach polterte es und dann hörte man ein Klatschen, scheinbar als er sie schlug und dann ein Wimmern und dann war wieder Stille.

Ich musste hier raus. Ich brauchte etwas zu Essen, ein paar sehr kalte Drinks, Zigaretten und vor allem frische Luft. Wobei Letzteres in diesem versifften Stadtteil vermutlich auch nicht wirklich garantiert war. Ich steckte das Handy ein und als ich nach dem Türknauf griff, ging das Geschrei im Nachbarzimmer wieder los. Ich fragte mich, was die zwei da veranstalteten. Es klang, als fielen ein paar Möbel um, dann schrie die Frau wieder auf, vermutlich schlug er sie wieder, dann hörte ich ein dumpfes Geräusch und danach ein Grunzen, das in ein Wimmern überging. Ich öffnete die Türe und trat einen Schritt auf den Gang, als die Nachbartüre aufgerissen wurde und gegen die Wand krachte. Eine Frau lief aus dem Zimmer. Sie war noch jung, auch wenn sie tonnenweise Make-up im Gesicht hatte, sah man sofort ihre Jugend. Sie trug die klassische Uniform aller Straßenhuren, einen Minirock, der kaum breiter als ein Gürtel war, halterlose Strümpfe, eine knappe Bluse in grellem Neongrün und hatte die Haare hochtoupiert wie ein Filmsternchen aus den Achtzigern. Ihr Gesicht war verschmiert von Schminke, Schweiß und vermutlich Tränen, die ihr seine Schläge in die Augen getrieben hatten.
Sie lief auf mich zu und sah mich an und hinter ihr kam ein Mann getorkelt. Er war bestimmt gute fünfzig, hatte einen gewaltigen Bauch und um seine Beine baumelte die Hose, die er versuchte, im Laufen hochzuziehen. Gleichzeitig presste er eine Hand auf seinen Unterleib, vermutlich hatte sie im beherzt in die Eier getreten, das war wohl der dumpfe Schlag gewesen, den ich gehört hatte, bevor sein Grunzen und Wimmern alles übertönt hatten. Er versuchte sie einzuholen, aber auf der Türkante stolperte er und fiel der Länge nach hin und landete mit dem Gesicht auf dem ekligen Flurteppich.
Ich hatte meine ganze Dienstzeit immer wieder mit solchen Typen und auch den Straßenmädchen zu tun gehabt. Erstere konnte ich gar nich genug verachten. Ich hatte nichts gegen Männer, die bereit waren, für ein bisschen Liebe oder Ficken zu bezahlen, wenn sie sich dabei benahmen. Aber Typen in solchen Absteigen waren unterste Schublade. Sie wollten meistens nur harten Sex, den Frauen wehtun und es war ihnen scheißegal, in welcher Umgebung sie das taten, wie erniedrigend das war, für die Frauen, die nie vorgehabt hatten, so tief abzustürzen, dass sie sich mit Freiern wie diesen über Wasser halten mussten, oder schlimmer, von ihren Zuhältern dazu gezwungen wurden.
Sie war jetzt auf meiner Höhe, wollte an mir vorbeihasten, während der Koloss am Boden stöhnte und sich anschickte, sich wieder aufzurichten. Er würde sie garantiert einholen, denn auf ihren High Heels war sie nicht wirklich schnell. Mein Arm schoss nach vorne, packte ihren Oberarm und dann schleuderte ich sie mit einem kräftigen Ruck in mein Zimmer und baute mich vor der Türe auf. Jetzt hatte sich der Kerl hochgehievt und wankte ebenfalls den Flur entlang auf mich zu.
»Sie ist da die Treppe runter«, lächelte ich ihm zu und zwinkerte verschwörerisch mit einem Auge.
Er sah mich kurz an, nickte, machte seine Hose endlich ganz zu und dann hörte ich ihn auch schon die Treppe runterpoltern.

3.

Wir saßen in einem winzigen Lokal in einer Seitenstraße. Ich hatte mein zweites Bier, das eiskalt aus dem Hahn gezapft war und eine Schüssel mit frittierten Sardinen vor mir. Ich aß gierig und ab und zu riss ich dazu ein Stück Brot ab, um dann wieder mit dem Bier nachzuspülen. Sie hatte mir ihre Schachtel mit Zigaretten auf dem Tisch liegen gelassen und sich kurz entschuldigt, um sich etwas frisch zu machen.
Ich nahm mir eine ihrer Zigaretten und blies nachdenklich den Rauch aus. Noch immer hatte ich den Anruf nicht erhalten, auf den ich wartete. Ob sie das Hotel beobachteten? Das wäre schlecht, sehr schlecht, denn eigentlich hätte ich mich nicht wegbewegen sollen. Nachdem ich die Frau in mein Zimmer gezerrt hatte und ihr Freier der falschen Fährte die Treppe hinabgefolgt war, hatte ich die Türe geschlossen. Sie stand noch immer heftig atmend einfach da und starrte mich an. Das Licht der Neonreklame ließ sie fahl und alt aussehen und sie war angespannt, bereit, sich erneut zu wehren, falls auch ich auf sie losging.
Ich hatte die Hände gehoben und ihr meine Handflächen gezeigt, eine Geste, die immer beruhigend auf das Gegenüber wirkt.
»Keine Angst, ich tue Ihnen nichts. Ich wollte Sie nur vor dem fetten Schwein retten. Ich habe die Prügelei gehört, die ihr euch geliefert habt.«
Sie hatte mich eine Weile prüfend angesehen und schließlich nickte sie:
»Danke!«
Eine ganze Weile standen wir uns schweigend gegenüber, bis ich sie fragte:
»Kennen Sie ein Lokal in der Nähe, wo ich ein kaltes Bier und etwas zu essen bekomme?«

Ich nahm mir noch eine der Zigaretten und starrte dumpf vor mich hin. Es war einfach nicht mehr wie früher, als so eine Scheiße mein tägliches Brot war. Ich war ausgelaugt, nur von den paar Stunden. Und naja, auch natürlich von dem Gespräch, das meinem ’’Auftrag’’ vorangegangen war.
Wieder verfluchte ich Ricardo, wegen diesem Trottel hatte ich den ganzen Schlamassel jetzt am Hals. Ricardo war ein junger Aufschneider, der jeden Tag wie ich am Strand war. Nur, während ich versuchte, mich durch sämtliche Bücher zu lesen, zu denen ich in meiner Dienstzeit nie gekommen war, hing er mit ein paar anderen Schnöseln einfach ab. Die meisten Jungs aus der Clique brauchten nicht zu arbeiten, sie waren schon reich geboren und verbrachten ihre Tage damit, Frauen aufzureißen, zu trinken und sich irgendwelchen Unsinn auszudenken. Einer von ihnen, Pepe, gefiel sich in der Rolle des Superdealers. Oft am Tag beobachte ich von meinem Platz aus, wenn ein paar junge Frauen zu ihm kamen, um ein wenig Stoff zu kaufen. Meist verhandelte er dann ein wenig, um danach hinter den Kabinen am Strand zu verschwinden. Sein Vater besaß mehr Geld als Gott und es war ihm scheißegal, an den Drogen etwas zu verdienen. Meist ließ er sich von einer der Käuferinnen einfach einen blasen, oder auch gleich abwechselnd von beiden, um dann mit einem selbstgefälligen Siegerlächeln, oder was er dafür hielt, wieder seinen Platz am Strand einzunehmen. Ricardo war der einzige in der Runde, der nichts hatte. Keinen Job, keine reichen Eltern, kein Geld. Er bewunderte diese Arschlöcher und vermutlich hatte er den ganzen Tag einen Ständer, weil sie ihn in ihren Kreisen duldeten.
Eigentlich war Ricardo das größte Arschloch von allen. Aber Ricardo war auch der, der mich aus dem Meer gefischt hatte, als ich mehr tot als lebendig mit meiner zerfetzten Schulter darin herumgetrieben war. Und jemand, der dir das Leben gerettet hat, ist jemand, dem du für immer verbunden und verpflichtet bist. Zumindest war das in meiner Welt so. Also tat ich seitdem alles, um ihn aus größerem Ärger herauszuhalten, ihn zu beschützen und ein Auge auf ihn zu haben.

Und dann hatte er irgendwann seine große Chance gewittert, mitzumischen, ein Großer zu werden. Nur weil er eben ein blöder Wichser war, ging das alles schief und so kam er eines Nachts zu mir nach Hause, blutend, grün und blau geschlagen und zitternd wie ein kleines Mädchen.
Er hatte mir eine wirre Geschichte erzählt, von einem Drogendeal, viel Geld und warum alles schiefgelaufen war und er natürlich nichts dafür konnte. Wäre er nicht so zugerichtet gewesen, ich hätte ihn persönlich windelweich geschlagen, an diesem Abend. Er hatte sich mit dem Don des Gebiets angelegt, Drogen gestohlen und war so gut wie tot.

Ich versteckte ihn zwei Tage bei mir und überlegte hin und her, was zu tun war und schließlich machte ich mich auf, zu einer Audienz, um die Sache geradezubiegen.

Don Capreone war noch einer der Bosse ganz alter Schule. Und ich ein ehemaliger Bulle. Ich wusste, dass er nichts durchgehen ließ. Und er kannte meinen Ruf. Ich war ein knallharter Cop gewesen, hatte viele seiner Leute entweder erschossen oder eingesperrt. Aber mein Ruf war auch, dass mein Wort galt und ich absolut integer war. Auf eine subtile – fast perverse – Art respektierten wir beide uns.
Wir sprachen lange, an diesem Nachmittag, tranken fast zwei Flaschen Wein und diskutierten bis aufs Blut. Er wollte Ricardo das alles nicht so einfach durchgehen lassen. Aber er wollte auch keinen Krieg mit den Carabinieri, denen ich als Colonnell angehört hatte.
Und schließlich einigten wir uns. Er schickte mich auf ein Selbstmordkommando. Eine verfeindete Familie versuchte seit einiger Zeit, in sein Gebiet einzudringen. Er wollte Stärke zeigen und einen großen Drogendeal mitten in ihrem Revier abwickeln, natürlich nur zum Schein. Und er würde den Deal groß ankündigen. Ich sollte Drogen liefern und das Geld dafür in Empfang nehmen. Nur, ich würde keine Drogen dabei haben und die Käufer würden keine Käufer sein, sondern Killer, die mir, respektive ihm, zeigen sollten, dass er dort nichts verloren hatte. Der Masterplan war, ich käme mit dem Geld zurück und hätte die Killer erledigt. Käme ich ohne Geld, weil die gar keines mitbrächten, und ich erledigte sie, auch gut. Oder ich ging dabei drauf. Was ihm scheißegal wäre. In allen drei Fällen wäre Ricardo aus der Sache raus. Eine aussichtslose Mission. Für mich. Aber ich sagte zu und gab ihm mein Wort.

4.

Sie kam zurück an den Tisch und sah völlig verändert aus. Ihre Haare waren jetzt offen und fielen in sanften Locken weich um ihr schön geschnittenes Gesicht. Sie hatte sich die verschmierte Schminke einfach abgewaschen und jetzt sah man erst richtig ihre Jugend und ihre wundervolle zarte Haut, die gar kein Make-up nötig hatte. Ihre Augen strahlten und sie sah plötzlich so vital und gesund aus. Durch das schummrige Licht im Lokal wirkte das grässliche Neongrün ihrer Bluse fast wie Anthrazit und als sie wieder am Tisch saß, verdeckte der den viel zu kurzen Minirock, die halterlosen Netzstrümpfe und die goldglänzenden High Heels. Ich starrte sie eine ganze Weile einfach nur fasziniert an und schließlich wurde sie verlegen und drehte eine der Locken um ihren Finger und dann nahm sie sich auch eine Zigarette und sah mich an:
»Bekomme ich auch was zu trinken?«

Später standen wir auf der Straße und wussten beide nicht so recht, was wir sagen sollten und schließlich fragte sie mich:
»Gehst du wieder ins Hotel?«
Ich nickte und sie sah mich prüfend an und dann zögerte sie nochmals, bis sie endlich sprach:
»Du bist ein Bulle, nicht wahr?«
Ich musste schmunzeln. Sie war gut. Oder ich roch immer noch danach. »Ja.«, sagte ich dann einfach. Und nach einer Weile: »Aber nicht mehr im Dienst.« Ich schnippte meine Zigarette, die ich aufgeraucht hatte, fort und dann sah ich sie wieder an: »Nicht mehr im Dienst.«
Sie nickte:
»Okay. Ich muss auch ins Hotel, mein Handy liegt noch in dem Zimmer.«

Und dann liefen wir schweigend nebeneinander her den Weg zurück und als wir um die letzte Hausecke bogen, blieben wir beide wie angewurzelt stehen, weil vor dem Haus unzählige Polizeifahrzeuge standen, alle mit Blaulicht und ein Absperrband war vor dem Eingang zum Hotel und gerade kamen noch zwei Krankenwagen und eine Feuerwehr an.

Mein Herz raste und innerlich zerbarst ich förmlich vor Aufregung, aber ich war zu lange darauf trainiert worden, mir das nicht anmerken zu lassen. Und ich musste wissen, was passiert war und so hakte ich ihren Arm bei mir unter und dann zog ich sie mit und wir liefen ganz langsam auf den Eingang und den Polizisten, der davorstand, zu.
Ich musste unbedingt herausfinden, was geschehen war und jetzt kam mir zugute, dass sie, von ihrem Gesicht und den Haaren abgesehen, wie eine Bahnhofsnutte aussah.

Kurz bevor wir den Eingang erreichten, flüsterte ich ihr zu: »Ich bin ein Kunde und du willst mit mir in dein Zimmer und falls sie das nicht erlauben, machst du Theater und bestehst darauf, dein Handy zu holen!«
Sie nickte unmerklich und dann waren wir angelangt und der Uniformierte hob die Hand:
»Sie können hier jetzt nicht rein! Bitte gehen Sie weiter.«

Sie schaute ihn an und dann zog sie die Augenbrauen zusammen und begann eine endlose Diskussion, in der sie abwechselnd schrie, tobte, heulte und bettelte und schließlich wurde es dem Kerl zu viel und er rief einen anderen Beamten und sagte ihm, er solle sie kurz nach oben begleiten, um ihr Handy zu holen und dann schlüpften beide unter dem Absperrband durch und verschwanden im Gebäude.

Ich wollte den Polizisten fragen, was denn passiert sei, aber er ahnte das und drehte sich demonstrativ von mir weg und starrte auf einen imaginären Punkt, und so blieb mir nichts anderes übrig, als nervös von einem Fuß auf den anderen zu treten und zu warten.

5.

Als sie endlich wieder herauskam, trug sie ihr Handy demonstrativ vor sich her und dann nickte sie mir kurz zu und ich nahm wieder ihren Arm und wir gingen einfach weiter.
»Hast du was sehen können?«
Sie war bleich und zitterte leicht und wir blieben stehen und sie zündete sich mit fahrigen Fingern eine Zigarette an:
»In deinem Zimmer liegen vier Männer. Alle erschossen. Überall ist Blut und Fliegen schwirren herum und ich …« Sie wandte sich um und dann erbrach sie sich in den Rinnstein und ich legte meine Arme um ihre Schultern und hielt sie einfach fest, bis ihr Körper aufhörte zu zittern.

Dann gingen wir langsam weiter, sie hatte sich eine neue Zigarette angezündet und auch mir eine gereicht und wir hingen unseren Gedanken nach. Vier Männer also. Ich versuchte, mir zusammenzureimen, was passiert war. Der abstruse Plan von Don Capreone war es gewesen, mich anzukündigen, darauf zu vertrauen, dass die örtliche Familie die Käufer meiner fiktiven Ware erledigen würde, und dann stattdessen zu mir käme, um an mir ein Exempel zu statuieren. Und im Idealfall hätte ich sie alle umgelegt, was natürlich völliger Schwachsinn war. Nun, wahrscheinlich hätte das auch soweit funktioniert, nur war wohl einer aus Versehen übergeblieben und der hatte dann die Killer im Hotel erledigt und war selbst dabei draufgegangen.

Wir hatten jetzt die Rückseite des Hotels erreicht und dort parkte eine dunkle Limousine mit ganz speziellen Felgen und ich erkannte den Wagen sofort wieder, ich hatte ich gesehen, als ich angekommen war, da hatte er gegenüber des Bahnhofs gestanden. Sie hatten mich also tatsächlich die ganze Zeit beobachtet. Der Wagen war leer und ich probierte, die Türe zu öffnen. Natürlich war sie nicht abgeschlossen. Man schließt Fluchtwagen nicht ab. Und natürlich war in meinem Zimmer im Hotel kein Geld. Man nimmt das Geld nicht mit, bei einem neuen Geschäftskontakt. Entweder hat man gar keins dabei, weil man die Ware klauen will, oder man lässt es im Auto und holt es erst, wenn man die Lage gecheckt und die Ware geprüft hat. Ich beugte mich in den Fußraum und zog am Hebel und die Kofferraumklappe schwang auf. Und tatsächlich, darin lag eine schwarze Sporttasche und ich nestelte den Reißverschluss auf, und dann stockte mir kurz der Atem, denn sie war randvoll mit Geld.

Sie war neugierig neben mich getreten und blickte ebenfalls auf den Inhalt der Tasche.
»Das ist …«, sie stockte kurz, »das ist eine Menge Geld!«
Ich nickte: »Oh ja.«

Ich zog den Reißverschluss zu, klappte den Kofferraumdeckel herunter, wischte meine Fingerabdrücke sorgfältig vom Blech und vom Hebel im Fußraum und dann schulterte ich die Tasche.

»Was wirst du damit tun?« Sie sah mich abwartend an.
»Ich bringe es dem, der mich hierhergeschickt hat.«
Wir sagten beide eine ganze Weile nichts. Dann schluckte sie ein paar Mal:
»Was man damit alles anfangen könnte … willst du es wirklich hergeben? Man könnte ein ganz neues Leben beginnen …«.
Sie beobachte mich genau und ich sah in ihr Gesicht. Wenn man ihre grässlichen Klamotten ausblendete und nur ihr Gesicht betrachtete … Gott, sie war wunderschön! Im fahlen Licht der Straßenlaterne sah sie aus wie ein Engel. »Ein gefallener Engel«, ging mir durch den Kopf.
Ich verstand zu gut, was sie meinte. Die Verlockung, irgendwo noch einmal ganz neu anzufangen. Ein neues Leben zu beginnen. Alles auf Null zu setzen. Aber das funktionierte nicht. Sowas funktionierte nie. Ich kannte genug, die es versucht hatten. Die irgendwann der Versuchung erlegen waren und abgehauen waren. Aber keiner war glücklich geworden. Wir haben nun mal unser Leben. Wir können es nicht einfach gegen ein anderes, neues, tauschen. Wir können es ändern, ja, wir können alles ändern. Aber wir können es nicht einfach abstreifen und jemand anderes sein, jemand neues. Das klappt nicht.
Ich schüttelte den Kopf:
»Das funktioniert nicht. Ich will nicht den Rest meines Lebens nach hinten schauen, ob sie mich endlich gefunden haben. Und solche Leute finden einen immer. Irgendwann.«
Jetzt nickte sie:
»Solche Menschen geben nie auf, bis sie einen finden.«
Wieder sahen wir uns an. Sie wirkte entspannter, jetzt, und dann sprach sie wieder:
»Und du stehst im Wort, oder?«
Ich musste schmunzeln. Sie war gut, wirklich gut.
»Ja. Ich stehe im Wort. Und das für jemanden, dem ich verpflichtet bin.«
»Dann war’s das jetzt? Mit uns?«
Wieder sah ich lange in ihr Gesicht, betrachtete ihre ebenmäßigen Züge, die wundervollen grünen Augen, ihre Jugend. So sollte sie aussehen. Nicht so, wie ich sie heute Nachmittag kennengelernt hatte. Mit der Schminke. Mit ihrer Uniform, die sie trug, auch um die Männer zu ertragen, die zu ihr kamen, sich nahmen, was sie wollten, für das bisschen Geld. Plötzlich regte sich eine Sehnsucht in mir, ein Verlangen, aber nach ihr als Mensch, nicht nur als Frau.
»Das muss es nicht. Warum kommst du nicht mit mir? Ich habe eine gute Rente und ein kleines Haus am Meer.« Ich merkte, wie die Aufregung in mir hochstieg. »Und einen Garten am Haus«, schob ich dann noch etwas hilflos hinterher.
Sie sah mich an, Erstaunt erst, dann lächelte sie:
»Du hast noch nie eine Frau geschlagen, nicht wahr?«
Ich schüttelte den Kopf: »Nein! Noch nie.«
Wir standen da, starrten uns gegenseitig an und dann, als es fast unerträglich wurde, war sie es, die meinen Arm nahm.
»Machst du eine ehrbare Frau aus mir?«
Ich musste lachen: »Ja. das werde ich.«
Wir setzten uns langsam in Bewegung.
»Und können wir einen Hund haben?«
Wieder musste ich lachen:
»Ja, wenn du willst.«
»Und Babys? Können wir ein paar Babys haben?«
Und dann gingen wir los in Richtung Bahnhof und kurz blieb sie stehen, schaltete ihr Handy aus, das sie noch immer in der Hand hielt, und dann schleuderte sie es mit aller Kraft an die Hauswand, wo es in tausend Stücke zerbarst.

HEAT-il colonnello

HITZEWELLE

Veröffentlicht: 1. August 2018 in Allgemein
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Ihnen ist auch so heiß wie mir? Lassen Sie uns etwas Spaß haben. Jeder, der mir mir sein originellstes Bikini-, Badehosen- oder Unterwäsche-Foto sendet, bekommt eines meiner Bücher, entweder zur Abkühlung ’’STURM’’ oder zur Erfrischung ’’Diva Italiana’’ – Frei-Haus und mit Wunsch-Signatur.
Natürlich werde ich keines der eingesandten Fotos veröffentlichen, dafür gebe ich mein Wort.
Die Aktion ist auf 50 (fünfzig) Bücher limitiert, also Los!

Diese sinnfreie Aktion ist der Hitze geschuldet, also denken Sie nicht lange nach, sondern machen einfach mit. Ich bin ja bereits mit gutem Beispiel vorangegangen, nachzulesen auf meinem Twitter-Account (RestlessFreak), in dem ich meine Outdoor-Dusche mit ohne Bikini präsentiere.

Bikini steht stellvertretend für Badekleidung, selbstverständlich sind Männer wie Frauen gleichberechtigt aufgerufen!

Bilder können Sie mir bis Freitag, den 03. August, bis Mitternacht, senden. Bitte per Direktnachricht entweder auf instagram, Facebook, Twitter oder google Hangouts. Bei mehr als 50 Einsendungen entscheidet das Los.

fresh

My Story

Veröffentlicht: 14. März 2018 in about
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Mit zwanzig aus Ungeduld das Studium abgebrochen, Firma gegründet, Porsche gekauft, viel Spass gehabt. Fünfundzwanzig Jahre später gibt es die Firma immer noch, aber den Porsche habe ich mittlerweile durch einen Mercedes ersetzt. Als Berufszyniker und Hardcore-Pragmatiker habe ich bisher meinen Burnout zwar nicht überwunden, aber ich betrachte ihn zumindest amüsiert und nehme ihn als Anlass, ein paar Sachen zu ändern. Zum Beispiel ach so wertvolle Zeit darauf zu verwenden, mir hier eine Kurzvorstellung aus den Fingern zu saugen … 🙂

Aber Ernst beiseite, ich habe begonnen, das, was mir wirklich Freude macht, das Schreiben, die letzten Jahre immer mehr in den Vordergrund zu stellen. Nach ein paar unter Pseudonym veröffentlichten Büchern entstanden dann die ersten beiden Romane “Diva Italiana” und “STURM”, die ich unter meinem Namen veröffentlicht habe.
Für dieses Jahr plane ich zwei weitere Bücher, einen Roman und eine Sammlung von Kurzgeschichten, die ich die letzten Jahre schrieb, allerdings, um meinen geneigten Lesern einen Mehrwert zu bieten, werde ich diese Kurzgeschichten mit einer Rahmenhandlung versehen.

Bitte zögern Sie nicht, mich jederzeit zu kontaktieren, wenn Sie Fragen zu mir als Autor oder zu meinen Büchern haben.

Ihr

Peeter Cavendish

Peeter Cavendish

Gentlemen Sex

Veröffentlicht: 14. März 2018 in night & day
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1. Der Tag war heiß gewesen, kein angenehmer Sommertag, sondern schwül und drückend und als die Sonne endlich hinter den Dächern der Stadt versank, atmete jeder erst einmal auf. Ich schob mißtrauisch die Jalousie zur Seite und dann öffnete ich entschlossen das Fenster. Die Luft war tatsächlich kühler jetzt, angenehmer und ich sog sie gierig in meine Lungen. Wir hatten uns den ganzen Tag in der Wohnung vergraben und uns vom Ventilator anblasen lassen, der träge seine Runden an der Decke über unserem Bett drehte. Sie trat hinter mich, noch immer nackt, wie ich, und sobald sie sich an mich lehnte, begannen unsere Körper sofort aneinander zu kleben. Die Luft in der Wohnung war feucht und abgestanden, eine Mischung aus Tabak, schalem Whiskey und viel Sex, der uns den Schweiß nur so herausgetrieben hatte, jedesmal, wenn wir uns geliebt hatten.

2. Wir hatten gut gegessen, bei einem neuen Italiener, in der Stadt, und waren dabei draußen gesessen, nah am Fluß, und hatten uns Zeit gelassen, viele Kleinigkeiten bestellt, Fisch und Muscheln in jeder Variation, dazu eine Flasche leichten Weißwein gehabt, den unser Kellner in einem Eiskübel an unseren Tisch gestellt hatte. Wir redeten viel und lachten uns kaputt, als wir uns an den Tag erinnerten, die Hitze in unserer Wohnung und wie fertig wir am Nachmittag gewesen waren. Jetzt, nach dem Essen und dem Wein und dem Schnaps, den wir noch bekamen, waren wir wieder hergestellt, fit, unternehmungslustig. Die Bar fiel mir ein, in die wir schon so lange hatten gehen wollen, in dem Hotel, das ganz in der Nähe war. Und so rauchte ich noch eine Zigarette und dann gingen wir engumschlungen am Fluß entlang, um noch ein paar Drinks zu nehmen.

3. Ich liebe Hotelbars. Meist sind sie gediegen, oder wuchtig, selten übertrieben – und fast nirgends findet sich ein besserer, aufmerksamerer Service als in einem Fünf-Sterne-Haus.
Diese Bar war klassisch, konservativ, ganz an der Zielgruppe der meisten Hotelgäste orientiert. Schwere schwarze Ledersessel, kleine Tische, am Rand, mit wenigen Stühlen, die Bar selbst aus Mahagoni, glänzend, gut bestückt und durch eine indirekte Beleuchtung perfekt in Szene gesetzt. Es gab insgesamt drei Barkeeper, die nur für das Wohl der Gäste zuständig waren, die sich direkt an den Tresen setzten, dazu nochmals einige livrierte Kellner, die ständig unauffällig durch den Raum kreisten, um auch hier jeden Gast schnell und fürsorglich zu bedienen.

Sie hatte ein einfaches schwarzes Kleid gewählt, für diesen Abend und ich war mir so gut wie sicher, dass sie darunter keine Unterwäsche trug. Und obwohl ich es kaum aushielt, nachzusehen, war ich ganz brav gewesen, bisher, denn ich wollte mir diesen aufregenden Moment, wenn ich meine Hände unter den Saum schob, noch aufheben. Dieses unbeschreibliche Gefühl, wenn ich dann langsam nach oben glitt, bis ich ihre Pobacken in der Hand hielt, ohne weiteren störenden Stoff. Sie hatte die Haare offen und ihre blonden Locken fielen frech immer wieder vor ihr Gesicht. Ihr Make-up war dezent, und sie hatte eine ihrer Brillen gewählt, die ihr ein wenig den Touch einer Business Frau gab – mit einem Hauch frivolem Luder dazu. Ihr Gesicht war so wandlungsfähig – sie konnte jederzeit innerhalb von Sekunden so eine Bandbreite an Ausdrücken abrufen, dass mir noch immer häufig der Atem stockte. Und als wir die Bar betraten, in der nur ein paar wenige Paare saßen, dafür um so mehr Männer alleine, wurde ihr Gesicht fast automatisch zu dem einer Diva. Wir waren kurz am Eingang stehen geblieben. Ich scannte den Raum nach einem geeigneten Platz, sie ließ einmal ihren Blick kreisen. Es war wie immer. Wenn sie einen Raum betrat und es so wollte, dann knisterte die Luft. Die Männer, die in Begleitung waren, blickten schnell und schuldbewusst weg, natürlich erst, nachdem sie sich einen Augenblick zu lange an ihrem Anblick festgesaugt hatten. Jetzt liefen sie Gefahr, dass ihre Begleiterinnen das Verlangen spürten, das sie in ihnen auslöste und so nahmen sie alle etwas zu hastig, viel zu auffällig, wieder ihre Gespräche auf.
Die Single-Männer hatten diese Sorgen natürlich nicht. Aber auch sie blickten schnell wieder in eine andere Richtung. Denn dem Blick ihrer grünen Augen standzuhalten war nicht einfach.

4. Ich hatte einen Tisch gewählt, an dem nur drei Stühle standen und der uns ermöglichte, die gesamte Bar zu überblicken. Freilich nur, wenn wir dazu die Köpfe etwas drehten, ansonsten sahen uns die anderen nur im Profil. Und hatten somit auch die Gelegenheit, sehnsuchtsvolle Blicke auf ihre Brüste zu werfen, die aus dieser Perspektive, in dem engen Kleid, besonders gut zur Geltung kamen.
Wir hatten die erste Runde unserer Drinks vor uns, ich wie immer einen Whiskey Sour, sie eine Mojito und waren gerade in unser Gespräch vertieft, als mein Handy summte.

Ich stand vor dem Lokal und während ich den Anruf abwickelte – einen dieser Anrufe, die sich leider nicht aufschieben lassen – rauchte ich eine Zigarette und genoß den Blick auf den Fluß, der jetzt silbrig im Mondlicht schimmerte und an vielen Stellen auch die Lichter der Stadt spiegelte. Es war ein bezaubernder, beruhigender Anblick und als ich mein Telefonat beendet hatte, zündete ich mir noch eine weitere Zigarette an, um noch ein paar Minuten zu gewinnen, diese Stimmung zu genießen. Der Abend war einfach perfekt. Wir würden noch ein paar Drinks nehmen und uns irgendwann auf den Weg nach Hause machen. Vielleicht würde ich schon auf dem Weg irgendwo nachsehen, ob sie nun ein Höschen trug oder nicht, sie in irgendeinen dunklen Hauseingang ziehen, ihr Kleid hochschieben und sie hart gegen irgendeine Haustüre ficken. Oder vielleicht bekam ich ich ja auf dem Weg schon einen Blowjob, in einer dunklen Seitenstraße, gegen irgendein Auto gelehnt. Ich spürte, wie mir das Blut in die Lenden schoß und musste lächeln. Dann trat ich die Zigarette sorgfältig aus und ging zurück an unseren Tisch.

5. Es hatte sich wenig verändert. Ein paar Gäste fehlten, zwei oder drei neue waren hinzugekommen. Nur als ich an unseren Tisch kam, war ich erstaunt, denn sie hatte einen frischen Drink vor sich stehen, obwohl ihr erstes Glas noch halb voll war.
»So durstig?«, fragte ich sie amüsiert.
»Nein, ich …«, ihr Blick ging kurz zur Seite, in den Raum.
Ich wollte gerade Fragen, was denn passiert war, als mich unser Kellner unterbrach. Er stellte ein Glas Whiskey vor mich und noch ehe ich ihn fragen konnte, was das sei, zog er sich bereits wieder hastig zurück. Ich hob das Glas an und sofort stieg mir der Geruch von Torffeuer in die Nase. Es war nur ein winziges Stück Eis im Glas, ganz so, als hätte jemand nicht gewusst, ob ich mit oder ohne Eis bevorzuge und wollte mir beide Optionen offen halten. Ich schnupperte nochmals am Glas und nahm dann vorsichtig einen Schluck. Ich hatte mich nicht getäuscht. Der Geschmack war unglaublich. Ich schloß kurz die Augen und für einen Moment vergaß ich alles um mich herum. Das war ohne Zweifel der beste Whiskey den diese Bar aufzufahren in der Lage war. Wer immer mir diesen Drink spendiert hatte, ich mochte ihn!
Ich öffnete die Augen, nippte erneut an meinem Glas und dann sah ich sie auffordernd an.
»Als du weg warst, da …«, sie beendete den Satz nicht, denn wieder ging ihr Blick zur Seite und blieb an einem Mann hängen, der geradewegs auf unseren Tisch zu steuerte.
Er hatte etwa mein Alter, irgendwas mit um die Vierzig, trug einen dunklen Anzug und dazu ein weißes Hemd mit Krawatte. Sein Gesicht war kantig, markant, seine Augen blau und sein Blick drückte eine souveräne Gelassenheit aus, eine Selbstsicherheit, die nicht gespielt war, sondern das Ergebnis aus vielen Jahren in sicher harten Verhandlungen und einem erfolgreichen Leben als Geschäftsmann. Er hatte die linke Hand in der Hosentasche und man konnte so gut seine teure Uhr sehen, eine Rolex, wie ich sie auch trug. Sein Haar war kurz geschnitten und schon grau, was ihm aber gut stand. Als er näher kam, sah ich, dass er am Ärmel seines Sakkos einen Knopf offen gelassen hatte. Ich musste ein wenig schmunzeln. Ich selbst machte das auch, obwohl mir jedesmal bewusst war, wie affig diese Geste ist, so konnte ich es mir doch nie verkneifen. Man sieht daran, dass der Anzug auf Maß geschneidert war. Sakkos von der Stange haben am Ärmel keine echten Knöpfe, sie sind nur aufgenäht. Aber ein Schneider macht echte Knopflöcher.

Sie war leicht rot geworden, als der Mann sich auf unseren Tisch zu bewegte, nicht wirklich, aber ihre Wangen hatten sich ganz leicht zartrosa eingefärbt, was sie noch bezaubernder machte, denn genau so sahen ihre Wangen auch aus, wenn sie erregt war.

Als der Unbekannte unseren Tisch erreicht hatte, blieb er in etwa einem halben Meter Entfernung stehen, deutete eine leichte Verbeugung an und richtete dann den Blick auf mich:
»Guten Abend, mein Name ist James Smith. Bitte entschuldigen Sie die Störung.« Damit nickte er kurz auch in ihre Richtung und sie verzog keine Miene, sondern blickte ihn nur direkt an – und um ihren Mund spielte dieses leise Lächeln, das alles ausdrückte und nichts; und mich jedesmal ganz schwach werden ließ, weil es so geheimnisvoll, so wundervoll war.
Er stutze so auch ganz kurz etwas irritiert, dann wandte er sich wieder an mich:
»Ich bitte Sie hiermit in aller Form um Entschuldigung.«
Nun war ich es, der irritiert war und so blickte ich ihn fragend an.
»Ah, gut, ich komme wohl gerade noch rechtzeitig. Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihnen dafür.« Damit deutete er auf den frischen Drink, den sie immer noch unangerührt vor sich stehen hatte und ich begriff langsam, worum es ging.
»Ich habe nicht gewusst, dass Ihre bezaubernde Begleitung mit Ihnen hier ist. Als ich ankam, sah ich sie alleine am Tisch sitzen und, nun, mir war klar, dass so eine Frau nicht lange unangesprochen bleiben wird und deshalb handelte ich schnell und ohne zögern und ließ ihr einen Drink servieren.«
Ich musste Lächeln. Er imponierte mir. Von allen Männern in der Bar, die voller Sehnsucht auf sie geschielt hatten, war er der einzige gewesen, der sich getraut hatte, aktiv zu werden. Während alle anderen noch haderten, sich ihre Chancen auszurechnen versuchten, hatte er einfach gehandelt. Und dafür hatte er meinen vollen Respekt. Und dass er er nun auch noch den Mut hatte, an unseren Tisch zu kommen um die Sache richtig zustellen, war an Stil kaum zu überbieten.
Ich stand auf und einen ganz kurzen Moment überlegte er, was nun auf ihn zukäme. Aber er zeigte keine Angst. Natürlich hatte ich an seinem Akzent bemerkt, das er Brite war. Ich schätzte ihn auf Oxford oder Cambridge ein, und dort hatte er sicher gerudert und geboxt, seiner Statur nach zu urteilen. Ich lächelte wieder, streckte meine Hand aus:
»Sehr angenehm, Mister Smith. Mein Name ist Peeter Cavendish. Ich nehme Ihre Entschuldigung an. Bitte, setzen Sie sich doch einen Moment zu uns.« Damit deutete ich einladend auf den freien Stuhl.
Er hatte meinen Händedruck erwidert, sympathisch kräftig, aber kein Kräftemessen, kein ’’wer zerquetscht dem anderen zuerst die Hand’’. Dann sah er zögernd auf den freien Platz, dann zu ihr. Sie ließ sich nichts anmerken, sah ihn nur ruhig an und dann, ein Nicken, nur minimal sichtbar und schließlich sprach sie das erste Mal, seit er zu uns an den Tisch gekommen war:
»Bitte, setzen Sie sich.« Ihre Stimme war rau und tief und melodisch und nur ich, der sie so gut kannte, hörte an ihrem Tonfall, dass sie die Situation mehr als aufregend empfand.

6. Als er sich gesetzt hatte entstand ein kurzes Schweigen, so, als hinge jeder seinen Gedanken nach und dann hatte er den Kellner gerufen.
»Lassen Sie mich das bitte mit einer neuen Runde Drinks wieder ganz in Ordnung bringen, ja?«
Ich nickte, fröhlich jetzt, den mir gefiel die Situation und auch sie hatte Vergnügen daran, wie ich ihren immer noch leicht rosigen Wangen entnehmen konnte.
Als wir alle mit frischen Getränken versorgt waren und angestoßen hatten, fragte ich ihn:
»Wo her aus England stammen Sie?«
»Ich bin in der Nähe von London aufgewachsen, habe in Cambridge studiert und arbeite jetzt für eine Firma die direkt in der City sitzt. Aber verzeihen Sie, Cavendish, Ihr Name, sind Sie ein Landsmann?«
»Nicht direkt, meine Familie ist seit vielen Generation schon nicht mehr auf der Insel, aber meine Wurzeln, ja, sind ganz aus Ihrer Nähe.«
Wir widmeten uns wieder unseren Drinks und schließlich sprach ich wieder:
»Sie sind geschäftlich hier in der Stadt?
»Ja, ich hatte ein paar Meetings und reise morgen wieder ab.«
»Sie wohnen hier im Hotel? Ist es zu empfehlen?«
»Oh ja, es ist ganz bezaubernd. Ich habe die Penthouse-Suite und sie ist wirklich wunderbar, auch wenn ich kaum Zeit darin verbracht habe. Heute ist der erste Abend, an dem ich nicht bei irgendwelchen Abendessen sitzen muss, sondern etwas Zeit für mich habe.«
»Verstehe.« Fast tat er mir ein wenig Leid, sicher wäre es ein grandioser Abschluss seines Aufenthalts gewesen, wenn er es geschafft hätte, eine Frau wie sie zu überzeugen, sich seine Suite anzusehen. Und ich sah ihr an, dass er ihr gefiel, als Mann.
Wieder ließen wir alle unsere Gedanken schweifen. Er erinnerte mich stark an mich, an damals, als ich auch noch jeden Tag in einem Anzug herumlief – mit offenem Knopf am Ärmel – und ständig irgendwo in irgendwelchen Hotels war, in fremden Städten, von denen ich meistens nur den Flughafen, das Hotelzimmer und triste Meetingräume zu sehen bekam. Und an die Abenteuer, die ich dennoch erlebt hatte, mit den verschiedensten Frauen, die ich meist nie wieder sah, aber die mir halfen, die Einsamkeit und die Anspannung etwas besser zu ertragen. Natürlich war er smart, sehr cool, sehr sicher, aber ab und an erkannte ich in seinen Augen eine leichte Sehnsucht. Diese Sehnsucht nach dem vermeintlich Normalen, einem geordneten Leben, einer Beständigkeit. Aber Männer wie er oder ich würden niemals diese Ruhe finden. Wir waren das Extreme zu sehr gewohnt. So sehr uns ein Leben jenseits irgendwelcher Normen auch aufrieb, wir würden niemals tauschen, wenn wir ganz ehrlich waren.
Wir hatten unsere Gläser geleert und gleich würde sich der Abend entscheiden. Entweder bestellten wir eine weitere Runde, aber dann würden wir beginnen uns in belanglosem Blabla zu ergehen, oder unsere Wege trennten sich wieder; und das für immer.
Ich zögerte kurz, sah sie an, sah wie ihre grünen Augen flackerten, sah ihre Faszination, darüber, dass hier zwei Männer saßen, die sich so ähnlich waren. Freilich nur innerlich. Nach außen hin war ich das komplette Gegenteil von ihm. Ich hatte meine Firma längst verkauft, war orientierungslos durch mein Leben getorkelt, hatte begonnen zu schreiben und dann hatte sie mich aufgefangen, in einem Moment, in dem ich alles in Frage gestellt hatte und eigentlich keinen Sinn mehr in irgendetwas sah. Ich lebte jetzt dieses Leben als Künstler, pfiff auf Etikette, trug nur noch Jeans und hatte alles abgelegt, was mich noch mit meinem damaligen ’’Ich’’ als seriösen Geschäftsmann verband. Ich nippte den Rest des Drinks aus meinem Glas und dann traf ich eine Entscheidung.
»James, ich mag es, wie Sie mit der Situation umgegangen sind, heute. Darf ich Sie etwas fragen?«
Er sah mich lange an, ganz ruhig, dann glitt sein Blick kurz zu ihr, wieder zurück und dann nickte er:
»Fragen Sie!«
»Was halten Sie davon, wenn wir das, was Sie heute versucht haben, wie Gentlemen zu Ende bringen?«
Er sah mich erstaunt an, räusperte sich:
»Was genau meinen Sie?«
»Nun. Sie sind ein Gentleman. Ich bin das auch. Wie wäre es, wenn wir beide die Nacht dazu nutzen, sie«, damit deutete ich auf meine Begleitung, »so zu verwöhnen, wie es einer Frau wie ihr zusteht. Ihr den Respekt, aber auch die Hingabe zu Teil werden lassen, wie sie es verdient. Wir sie verwöhnen, wie es eben Gentlemen tun, die nur eines im Sinn haben. Einer Göttin wie ihr die größtmögliche Lust zu Teil werden zu lassen. Ihr jede Freude zu bereiten, die wir nur im Stande sind, zu bereiten. Ihr eine Nacht bescheren, die ihr gerecht wird. Nur darauf bedacht, dass ihre Befriedigung alles ist, was Bedeutung hat.«
Ich sah ihm ganz offen in die Augen und er erwiderte meinen Blick. Dann drehte er sein Glas in den Händen und sah zu ihr. Ihre Wangen hatten sich noch einen Hauch mehr gerötet und wieder überlegte ich, ob sie ein Höschen trug und ob sie bereits begann feucht zu werden, bei dem Gedanken, was sie unter Umständen erwarten könnte. Dann stellte er sein Glas ab, entschlossen jetzt und sah uns beide voll an:
»Es wäre mir eine Ehre!«
Ich nickte, stand auf und er und sie erhoben sich ebenfalls. Ein Kellner eilte herbei und James wies ihn an, unsere Drinks auf ihn zu schreiben und uns eine Flasche von diesem unbeschreiblichen Whiskey auf sein Zimmer zu bringen.
Und dann nahmen wir sie in die Mitte und sie hakte sich bei uns beiden unter und als wir in Richtung der Fahrstühle gingen, spürte ich die Blicke der anderen Gäste auf uns und dann dachte ich daran, was in der Penthouse-Suite gleich passieren würde und mir wurde ganz warm und ich musste wieder Lächeln.

Fortsetzung folgt …

Business

Frohe Festtage

Veröffentlicht: 24. Dezember 2017 in Allgemein

Mag man von diesem durchkommerzialisierten Tag halten, was man will. Kinderaugen, die Geschenke auspacken, ein gutes Essen, Zeit, endlich einmal wieder an die zu denken, für die man das Jahr über nie Zeit hat – und das eine oder andere kleine Weihnachtswunder, das immer stattfindet, wenn man nur genau hinsieht. All das macht es für mich dann doch wieder jedes Jahr zu etwas Besonderem, Einmaligen. Schöne Festtage!

merryxmas

Ausgerechnet Paris

Veröffentlicht: 6. Oktober 2017 in night & day
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1.

Ich starrte aus dem Fenster und versuchte das Gefühl loszuwerden, dass sich das Bett mit mir wie ein Karussell drehte. Auf dem Boden lag umgekippt die Flasche Wein, die ich zuletzt getrunken hatte. Nach all dem anderen Zeug, in der Bar. Ich starrte weiter aus dem Fenster, der Himmel war grau und es regnete schon den ganzen Tag. Ab und zu trieb eine Windbö eine Ladung dicker Regentropfen an die Scheibe, die dort zerbarsten und in unzähligen Rinnsalen dann das Glas hinabliefen. Kurz erinnerte ich mich, wie wir uns als Kinder die Zeit vertrieben, indem jeder sich eine dieser Wasserspuren aussuchte und dann hatte der gewonnen, dessen Tropfen zuerst auf dem Fensterbrett angekommen war. Ich schüttelte den Kopf, um diese Erinnerungen wieder loszuwerden und dann versuchte ich weiter, irgendetwas außer dieser grauen Masse da draußen zu erkennen. Die Fensterrahmen waren alt und spröde und der Lack war schon lange abgeplatzt und bei jedem Windstoß klirrten die einfachen Scheiben und es wurde sofort noch kälter im Zimmer, wenn der eisige Lufthauch vom undichten Fenster zur Türe durchzog, die unten am Boden einen breiten Luftspalt hatte. Der einzige Komfort, den das Zimmer bot, war ein altes Radio, das auf einem wackligen Tisch stand. Es spielte nur einen Sender, aber es gab zumindest einen Moderator bei diesem Sender, der sehr zurückhaltend war und fast nie sprach. Er spielte einen Chanson nach dem anderen, manchmal verstand ich ein paar Wortfetzen, aber mein Französisch war zu sehr eingerostet, um wirklich die ganze Geschichte eines jeden Songs zu erfassen. Aber das war ja auch unnötig. Alle handelten sie von der Liebe, dieser einen großen Liebe – und entweder beklagte ein Sänger, dass er diese Liebe nie gefunden hatte, oder, noch schlimmer, die Variante, wenn diese eine große Liebe endlich gefunden war und man sie wieder verlor. Vermutlich sogar aus eigener Blödheit, was das ganze noch dramatischer zu besingen rechtfertigte. Ich hielt nichts von diesem Schwachsinn. Und ich weigerte mich, in meinen Geschichten diese Art von Liebe vorkommen zu lassen. Bei mir gab es nur harte Szenen, Leiden, Qual, Verbrechen – aber niemals diesen Kitsch, diese Liebe, diese große Liebe – von der ich auch überzeugt war, nein, von der ich wusste, dass sie nur eine Erfindung von ein paar Jammerlappen war. Ganz kurz musste ich an die Frau aus dem Kaffeehaus denken, die ich heute kennen gelernt hatte und ob sie eine wäre, für die man solche Lieder schreiben würde, aber dann verwarf ich den Gedanken.
Das Zimmer drehte sich etwas langsamer und ich angelte mir eine Zigarette vom Nachttisch und inhalierte vorsichtig die ersten Züge. Ab und zu spuckte ich einen Tabakkrümel aus, ich hatte die Zigaretten selbst gedreht, weil mein Geld nicht mehr gereicht hatte, mir richtige zu kaufen. Wieder sah ich nach der Flasche Wein, jedesmal in der Hoffnung, es wäre doch noch etwas darin, aber sie war und blieb leer und dann starrte ich wieder aus dem Fenster und fragte mich, warum ich nach Paris gekommen war. Ausgerechnet Paris! Aber ich konnte mich nicht erinnern, warum ich darauf gekommen war und nach einer Weile zuckte ich mit den Schultern. Vermutlich hatte ich mir wie immer gar nichts dabei gedacht, oder, noch schlimmer, ich war auf irgendeine schwachsinnige Eingebung hereingefallen.
Neben dem Radio stand meine Reiseschreibmaschine. Ich hatte sie noch nicht ausgepackt. Der Lederkoffer, in dem sie steckte, war alt und zerschrammt und der Griff abgewetzt und speckig. Ich hatte sie auf einem Flohmarkt entdeckt und vermutlich hatten sie schon viele Besitzer vor mir mitgenommen, wenn sie unterwegs waren. Je nach Stimmung versuchte ich mir vorzustellen, was sie schon alles erlebt hatte. Mal dachte ich mir aus, sie hatte einem Geschäftsmann gehört und seine Sekretärin hatte darauf wichtige Verträge getippt, abends, im Hotel, nach harten Verhandlungen und er war auf und ab gelaufen, einen teueren Whiskey im Glas und eine Belohnungs-Zigarre im Mund und wenn alles fertig getippt war, hatte er einen Blowjob bekommen, oder sie auf dem Arbeitstisch gefickt. Oder ich malte mir aus, wie jemand wie ich damit herumgereist war. Der dachte, er könne besser Schreiben, wenn er unterwegs ist, neue Eindrücke sammelt und dann die ganze Nacht schreibt, unermüdlich und mit klarem Verstand in die Tasten drischt und mindestens einen Bestseller, oder gar etwas von Bedeutung, zu Papier bringt.
Bei mir funktionierte das nicht. Ich hatte noch gar nicht geschrieben. Alle meine Träume, dass ich phantastische Dinge erleben würde, dass ich Inspiration finden würde, dass mir etwas einfiel, das ich für Wert befand, beschrieben werden zu müssen, all das war nicht eingetreten. Ich hatte mich nur durch einige Länder gesoffen und war schließlich hier gelandet. In der Stadt der Liebe. In der den ganzen Tag Liebeslieder in dem Scheiß Radio liefen, so viele, dass ich langsam bereit war, freiwillig zu kotzen.
Ich hatte nichts mehr, kein Geld, zumindest nicht mehr der Rede Wert, nicht mehr genug, um mich ordentlich zu betrinken – von einem guten Essen ganz zu schweigen.
Als ich am Morgen aus dem Zug gestiegen war und sah, dass die Stadt im Nebel lag, aus dem immer wieder Schauer fielen, ja, man nicht mal die Spitze des Eiffelturms hatte erkennen können, war ich einfach durch die Straßen gelaufen und irgendwann, als ich nass und durchgefroren war, fand ich ein Kaffeehaus, das alt und ehrwürdig wirkte und ich war eingetreten und als ich noch unschlüssig am Eingang stand, hatte mich jemand angerempelt und sich sofort erschrocken entschuldigt und mich dann eingeladen, an einen Tisch, an dem viele junge Leute saßen. Sie hatten meine Schreibmaschine gesehen, die ich wie einen Koffer in der Hand trug und sie waren alle Künstler, bunt gemischt, einer war Bildhauer, ein paar Maler, Sänger, Musiker und auch zwei Schriftsteller. Dazu ein paar Frauen, die wohl ihre Musen waren. Jedenfalls waren sie alle bildschön und strahlten eine Selbstsicherheit aus, wie es nur Frauen tun, die sich bewusst sind, was sie für einen Mann bedeuten können. Wir tranken Wein und Schnaps und gelegentlich einen Café Crème und diskutierten stundenlang. Ich beneidete die Gruppe. Sie verbrachten wohl die meisten Tage hier zusammen, tranken, redeten, stritten. Und nachts stellte ich sie mir alle vor, in ihren Ateliers, an ihren Schreibtischen, an ihren Instrumenten, wie sie dann wie Besessene versuchten, das umzusetzen, was ihnen durch den Kopf ging, wie sie an Worten feilten, Farbe für die Leinwand mischten, komponierten und fickten. Ja, ich war mir sicher, dass die Mädchen am Tisch ihre eigentliche Inspiration waren, ihnen Halt gaben, sie aufmunterten. Eine der Frauen saß direkt neben mir und ab und zu berührten sich unsere Hände ganz zufällig, wenn wir nach unseren Gläsern griffen oder den Aschenbecher heranzogen oder auch als ich ihr Feuer gab und sie meine Hand einen Moment zu lang festhielt und ich an ihren Augen hängen blieb und kurz dachte, wie wunderschön sie aussieht und wer wohl das Glück hat, von den Männern am Tisch, diese Lippen küssen zu dürfen und dann ließ sie meine Hand los und der Moment war vorbei und ich schüttelte kurz den Kopf, um wieder klar denken zu können.
Pascal, der, der mich angerempelt hatte, gab eine Runde nach der anderen aus. Er hatte wohl gerade eines seiner Bilder verkaufen können und somit war sein Leben für ein paar Monate gerettet und das galt es, mit den Freunden zu feiern.

Wieder sah ich nach der Weinflasche und nahm mir noch eine Zigarette. Draußen begann es zu dämmern und ich überlegte kurz, meine Schreibmaschine auszupacken, aber dann wurde mir klar, dass ich ohnehin nicht wusste, was ich schreiben sollte und so beschloß ich, sie am nächsten Tag zu Geld zu machen. Was nützte mir eine Schreibmaschine, wenn ich nicht mehr wusste, was ich darauf schreiben sollte?
Im Zimmer nebenan wurde es laut, eine Frau stieß kleine spitze Schreie aus und ein Mann grunzte und dann fing ihr Bett an, rhythmisch gegen die Wand zu schlagen. Auf dem Gang waren ständig Schritte und Gelächter zu hören und aus der anderen Richtung war das Röcheln einer französischen Klospülung zu vernehmen. Ich stand auf und drehte das Radio lauter um mich mit dem Geräuschteppich gegen die Außenwelt abzuschirmen und dann starrte ich eine Weile aus dem Fenster, bis ich mich wieder aufs Bett legte. Aus dem Radio klang die Piaf mit ihrem Klassiker, in dem sie nichts bereut. Auch so ein Kacklied, zumindest wenn man in meiner Situation ist und gar nicht weiß, womit man anfangen soll, was man alles bereut.
Ich musste Lachen bei dem Gedanken und dann dachte ich an ein Lied das ich mochte, ’’La Bohème’’, das von den Künstlern erzählt, solchen, wie ich sie heute getroffen hatte, die von Luft und Liebe und ihren Träumen lebten. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es gewesen sein mochte, im Paris, Anfang des letzten Jahrhunderts, wie es gewesen sein mochte, wenn man Teil war, Teil dieser Szene, die sich gegenseitig half und für die Geld gar nichts bedeutete, aber Freundschaft und Gespräche und Liebe alles waren. Liebe, immer wieder diese Liebe! Wieder musste ich an die Frau denken und plötzlich spürte ich eine Sehnsucht nach ihr und versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, wenn sie hier bei mir sein könnte, jetzt, nur für einen Moment.
Die Konturen im Zimmer verwischten langsam mit der immer stärker werdenden Dämmerung und ich schloß müde die Augen und dann kam gnädig der Schlaf und riss mich in einen Traum, in dem ich mich wieder am Bahnhof fand, aber es war anders, anders als heute Morgen. Es gab keine Autos, nur Kutschen und die Leute trugen Kleider, wie man sie nur aus alten Filmen kennt und ich selbst hatte einen Anzug an und der Koffer mit meiner Schreibmaschine glänzte frisch poliert und hatte keine Kratzer. Ich stolperte fasziniert durch die Straßen und dann rempelte mich ein junger Mann an und es war Pascal, den ich am Morgen kennengelernt hatte und wir liefen weiter durch diesen Traum und er erzählte mir von einer Freundin, die noch einen Mieter aufnehmen würde und er gab mir die Adresse und ich machte mich auf den Weg, um schon am ersten Tag in Paris ein Zimmer gefunden zu haben.
Das Haus war alt, aber es strahlte Würde und Eleganz aus und ich sagte dem Concierge, zu wem ich wollte und dann stand ich an der Türe und die junge Frau die mir geöffnet hatte war auch eine der Frauen vom Vormittag, aus dem Kaffeehaus, die, die mich so fasziniert hatte, die mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen war und sie bat mich herein und schenkte uns einen süßen Likör ein und sah mich lange prüfend an.

»Was malen Sie, welchen Stil?«, fragte sie mich schließlich.
»Ich male nicht, ich schreibe.«
»Oh …«
Ich sah sie fragend an.
»Ich nehme nur Maler als Untermieter.«
Ich sah sie weiter fragend an.
Sie nestelte etwas nervös an Ihrem Hausmantel, trank einen Schluck und dann wiederholte sie:
»Ich nehme nur Maler. Es tut mir leid.«
»Aber warum? Mögen Sie keine Schriftsteller, Madame?«
»Doch … das ist es nicht. Es ist …«, sie sah mich hilflos an und dann errötete sie leicht.
»Es ist so, ich nehme nur Maler auf. Ich liebe es, wenn sie mich malen.«
Ich starrte sie an: »Verstehe«, sagte ich dann zögernd und erhob mich.
»Es tut mir leid, es ist nichts persönliches …«, sie blickte verlegen nach unten, »ich hatte schon Schriftsteller. Sie schreiben immerzu, sind nicht ansprechbar und irgendwann, wenn sie fertig sind, gehen sie, und mir bleibt … nichts.«
Sie war so schön, die Wohnung so heimelig, ich wollte nicht aufgeben, aber ich hatte kein Argument für sie.
Aber dann, als ich an der Türe war, drehte ich mich um: »Was, wenn ich sie male? Jetzt und sofort? Wenn Ihnen gefällt, wie ich sie zeichne, darf ich dann bleiben?«
Sie sah mich erstaunt an: »Ich dachte Sie … Sie können nicht malen?« Wieder zögerte sie, dann sah sie mir in die Augen: »Also gut, wenn mir gefällt, wie sie mich zeichnen, dürfen sie bleiben!«
Ich nickte, legte mein Sakko ab, krempelte meine Ärmel hoch.
»Wie möchten Sie, dass ich sie male?«
»Kommen Sie mit«, damit ging sie in den Nebenraum, das Schlafzimmer. Sie setzte sich auf das Bett, öffnete leicht den Mantel, so dass ich die Ansätze ihrer Brüste sehen konnte und dann lächelte sie mich an: »So.«
Ich nickte, ging nach nebenan, holte meine Schreibmaschine, schob einen Tisch zurecht, nahm mir einen Stuhl, dann packte ich die Schreibmaschine aus. Sie wollte etwas sagen, aber ich hob die Hand und sie verstummte. Ich spannte sorgfältig einen Bogen Papier ein, sah sie lange an, und dann begann ich zu tippen. Ich schlug meine Finger gierig in die Tasten, konnte gar nicht mehr aufhören, ich war wie in einem Rausch, so, als hätte ich noch nie eine Blockade gehabt, zu schreiben. Ich schrieb einen Brief, an sie, und als ich fertig war, nahm ich den Bogen heraus, drehte mich zu ihr um und dann begann ich, ihr vorzulesen, was ich getippt hatte:

2.

»Verehrte Madame, liebste Amélie, Sie möchten ein Bild, von sich. Doch erlauben Sie mir zu sagen, wie soll jemand eine Frau wie Sie malen? Wie soll er es schaffen, den Ton Ihrer Haut richtig zu treffen, diesen perfekten Farbton, nicht blaß, aber auch nicht dunkel, sondern diese vornehme Tönung, die, unterstützt durch Ihre Jugend, so wundervoll mit dem Licht spielt? Woher sollte ein Maler die Farben nehmen, um das Gold Ihrer Locken richtig zur Geltung zu bringen? Überhaupt, Ihr Haar, die frechen Löckchen, die Ihnen immer wieder vors Gesicht fallen und die sie dann jedesmal anmutig, und auch ein bisschen lässig, zur Seite streichen. Manchmal lächeln sie dazu, ein Lächeln, das schon fast einen Hauch frivol ist, verführerisch allemal, so dass man unweigerlich überlegt, wie es sein muss, dürfte man Sie Lieben, und sie sich in Lust und Ekstase mit eben dieser Geste das Haar aus dem Gesicht streichen, achtlos dann, keuchend, ich darf gar nicht weiter darüber nachdenken …

Oder Ihre Augen, dieses Grün, das in jedem Licht anders schimmert. Ich müsste hundert Bilder malen, um auch nur annähernd darzustellen, was es bedeutet, sich in Ihren Augen zu verlieren, die so klar und offen im Blick sind, und so viel verheißen, wenn sie wie Smaragde schimmern. Und erst Ihr Mund! Diese herzförmigen Lippen. Wer will sich erdreisten, diesen Mund nur in einem Zustand auf einer Leinwand zu fixieren! Wenn Sie sprechen, der feine Klang Ihrer Stimme, wenn sich Ihre Lippen bewegen, man ab und zu Ihre Zungenspitze sieht und nur noch an eines denken kann, nämlich wie es sein muss, wenn man diese Lippen küssen dürfte, oder wie dieser Mund einem Dinge ins Ohr flüstert, mit heiserer Stimme dann, das Paradies versprechend, einen Großbrand der Gefühle auslösend. Wäre ich ein Maler, ich würde daran verzweifeln, Ihre Brüste zu malen. Sie können nicht verlangen, dass das jemand schafft! Es schafft, auch nur im Entferntesten darzustellen, wie sie sich unter Ihrem Bademantel wölben, den zarten Ton Ihrer Brustwarzen naturgetreu zu treffen ist unmöglich und Ihre Nippel haben sicher weit mehr verdient, als nur ein Farbklecks auf einer Leinwand zu werden.
Vorhin, als Sie sich fragten, was ich da tue, als ich begann zu schreiben, da färbten sich Ihre Wangen vor Unmut ganz leicht rot. Ein Farbton, den sie sicher auch annehmen, wenn Sie erregt sind, eine Vorstellung wiederum, die mein Herz rasen läßt. Und ganz kurz hat sich dabei Ihr Mantel geöffnet und ich konnte einen Blick auf Ihre Schenkel werfen, so wundervoll geformt und ganz leicht war der Ansatz einer bezaubernden Spalte zu erkennen, die verheißungsvoll verdeckt von Ihren Schenkeln, ganz tief in Ihren Schoß führt – und mir stockte kurz der Atem.
Niemals wird es einem Maler gelingen zu vermitteln, was er empfand, als er Sie malte. Er wird dem gefälligen Betrachter nur einen Ausschnitt vermitteln, eine Momentaufnahme, aber er kann nicht erzählen, was er dabei fühlte. Nicht so wie ich, der ich meinem Leser verrate, wie meine Hände schwitzten, wie mein Herz klopfte und wie ich spürte, dass mir das Blut in die Lenden floß, während ich Ihr Bild für meine Leser zu Papier brachte.

Ihr Porträt auf einer Leinwand, mit starrem Blick, eingefrorenem Lächeln, bewegungslos – die Vorstellung ist entsetzlich! Sie sind so lebendig, so facettenreich, so unglaublich! Sie sind eine Göttin! Und eine Göttin zu malen ist anmaßend.
Madame, Sie sagen, es bleibt Ihnen nichts, wenn ein Schreiber Sie verläßt. Erlauben Sie mir zu widersprechen. Erlauben Sie mir, Sie für immer unsterblich zu machen, in dem ich über Sie schreibe.«

Ich ließ den Briefbogen sinken und sah ganz langsam hoch, in ihre Richtung. Sie saß noch immer auf dem Bett und in ihren Augen glitzerten Tränen. Sie schluckte, wollte etwas sagen, setzte nochmals an:

3.

Irgendetwas ließ mich an dieser Stelle erwachen und ich versuchte mich verzweifelt, an den Traum zu klammern. Ich wollte unbedingt hören, was sie zu meiner Geschichte sagen würde, aber ich schaffte es nicht und dann schlug ich die Augen auf und war wieder in diesem tristen Loch von Hotelzimmer und der Regen peitschte an die Fenster.

Ich rauchte auf dem Rücken liegend und hatte die Augen geschlossen. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass unser Gehirn unsere Träume aus dem Schlaf nach einer kurzen Weile löscht, damit wir nicht Gefahr laufen, sie mit der Realität zu verwechseln. Ich versuchte mich an jedes Details zu erinnern, an jedes Wort, jede Geste. Mich überfiel regelrecht Panik, ich könnte damit nicht fertig werden, bevor alles aus meiner Erinnerung verschwand. Schweiß brach mir aus und ich setzte mich mit einem Ruck auf. Mein Kopf quittierte das mit einem heftigen Stich und mir wurde leicht schwindlig. Zu viel Alkohol, zu wenig gegessen. Ich wankte ins Bad, goß mir eiskaltes Wasser ins Gesicht und dann lief ich nach unten und erbettelte mir beim Wirt eine Kanne schwarzen Kaffee, die ich vorsichtig auf mein Zimmer balancierte. Dann riss ich hastig die Schreibmaschine aus ihrem Koffer, spannte einen Bogen Papier ein und dann drosch ich in die Tasten, um alles aufzuschreiben, damit ich mich daran erinnern konnte, an Amelié, die Wohnung, die Situation, ihren Körper.

Ich schrieb die ganze Nacht und bis weit in den Vormittag hinein, dann hatte ich nicht nur den Traum niedergeschrieben, sondern auch meine ganze Reise, alles, was ich bisher erlebt hatte, was nicht viel war, und alles, was ich seither an Gedanken und Gefühlen erlebt hatte – und das war viel. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, es auszuschmücken, oder zu beschönigen, oder zu dramatisieren. Ich hatte es einfach nur zu Papier gebracht, einfach so, wie es eben war. Dann starrte ich aus dem Fenster und konnte an nichts anderes denken, als an die Frau mit den grünen Augen, deren Namen ich gar nicht kannte, den ich nur geträumt hatte.
Das Radio fiel mir wieder ein und ich schaltete es an, aber es liefen keine Liebeslieder mehr wie am Abend zuvor, sondern Jazz, den ich nicht mochte und beim Versuch, einen anderen Sender zu finden, verdrehte ich die Skala und dann fand ich nicht mal mehr den einen Sender wieder und als mir das Rauschen, das das Einzige war, was das Gerät aus dem Äther fischte, mir anfing auf die Nerven zu gehen, brach ich in meiner Wut den Hebel ab und so zog ich schließlich einfach den Stecker aus der Wand.

Was, wenn es diese Liebe doch gab? Was, wenn es da etwas gab, das ich bisher nicht erlebt hatte? Was, wenn ich darüber schreiben sollte, über diese ach so große Liebe, die ich bisher nur mit Spott und Hohn von mir gewiesen hatte? Was, wenn das alles aber doch nur ein einziger Haufen Scheiße wäre? Ich musste mich entscheiden.

Ich zog den Koffer unter dem Bett hervor und klappte ihn auf und dann machte ich einen sauberen Schnitt mit meinem Taschenmesser in das Futter des Deckels. Die Goldmünze wog schwer in meiner Hand. Ich hatte sie dort eingenäht. Und ich hatte mir geschworen, wenn ich nichts mehr hätte, außer dieser Münze, dann würde ich heimkehren, aufgeben, es einfach sein lassen. Es war meine Versicherung für ein letztes feudales Essen, einen letzten feudalen Vollrausch und für ein Ticket, zurück, in mein altes Leben.

Es regnete noch immer und ich schlug den Kragen meines Mantels hoch. Gold stand gut, in diesen Zeiten und ich hatte weit mehr Franc bekommen, als ich gehofft hatte. Jetzt würde ich nur noch meine Sachen holen müssen, das Zimmer bezahlen und dann ein Zugticket kaufen. Es war nicht weit, zu meiner Pension, aber trotz des Regens hatte ich Lust, ein paar Schritte zu laufen und ging in die entgegengesetzte Richtung. Es war grau, nass, kühl. Ich betrat das erste Geschäft, das ich fand und kaufte mir Zigaretten und Streichhölzer. Echte Zigaretten! Und obwohl ich diese Gauloises ohne Filter mochte, nahm ich welche mit, denn ich hatte die letzten Tage noch in zu schlechter Erinnerung, als ich dauernd den Tabak ausspucken musste, von meinen selbst gedrehten. Ich wollte gerade gehen, da entdeckte ich die kleinen Cognac Fläschchen, nur so groß wie ein Flachmann und kaufte mir eine.

Ich überlegte, ob ich mir nur an einem Imbiss ein herzhaftes Crêpes holen sollte, oder, wonach mir mehr war, in einem guten Restaurant eine teure Flasche Wein und ein mehrgängiges Menü gönnen sollte. Geld genug hatte ich jetzt in der Tasche. Und für das Ticket zurück würde es immer mehr als genug reichen.

Und dann stand ich wieder vor dem Cafe, in dem ich gestern Pascal und die anderen getroffen hatte. Und Amelié, oder wie immer sie in Wirklichkeit hieß. Ich stand am Fenster, dem großen, auf dem in gewaltigen Lettern der Name aufgeklebt war und schaute nach drinnen. Erst war nichts zu sehen, es war dämmrig im Lokal und wir waren ja ganz hinten gesessen, aber dann gewöhnten sich meine Augen an das Licht und ja, da saßen sie, wie gestern, wie vermutlich auch morgen, wie jeden Tag. Ich wusste nicht, ob ich reingehen sollte. Aber wozu? Ich würde morgen abreisen. Nie wieder zurückkehren. Amelié nie wieder sehen. Warum also den Schmerz noch vergrößern. Den Schmerz? Mir wurde erst jetzt bewusst, dass ich Schmerz empfand. Darüber, dass ich fahren würde. Und darüber, dass ich sie nie wiedersehen würde. Und am meisten darüber, dass sie nie meine Geschichte lesen würde, die ich in der Nacht begonnen hatte. Kurz stellte ich mir vor, wie es wäre, ich bliebe hier. Ich würde alles daran setzen, sie zu erobern. Nachts, wenn ich schrieb, würde sie im Bett liegen, nackt, und auf mich warten. Und dann würde ich ihr vorlesen, was ich geschrieben hätte und sie würde mich anspornen und motivieren und dann dürfte ich sie lieben, den Rest der Nacht, diesen Körper berühren, diesen Mund küssen, ihren Duft atmen, ihre Lebendigkeit in mir aufsaugen. Ich begann zu zittern, so sehr wühlten mich diese Gedanken auf. Ich nahm einen weiteren Schluck des widerlich billigen Cognacs, der mir fast den Magen verbrannte und in der Kehle eine Spur hinterließ, als hätte man brennendes Benzin getrunken.

Jetzt sah sie auf und als sie ein Streichholz entzündete, um sich eine Zigarette anzubrennen, wurde ihr Gesicht kurz beleuchtet und ich sah ihre Gesichtszüge, die einem Engel glichen und ihre Augen wirkten für einen Moment so, als wären sie grüne Smaragde, die Feuer sprühten. Dann war das Bild weg, das Streichholz verglomm und sie blies den Rauch lange aus, in Richtung der Decke und sie wirkte verloren, ausgeschlossen, einsam und einen Augenblick gab ich mich dem Gedanken hin, dass sie an mich dachte, sich fragte, ob ich heute wieder käme, wir uns wieder ganz zufällig berühren würden, uns fühlen dürften, ganz kurz nur, aber doch lange genug, um dieses Feuer zu entfachen. Diese Liebe zu spüren, diese große, einzigartige, die es scheinbar doch zu geben schien.

Ich gab mir einen Ruck, trat einen Schritt zurück. Ich würde nicht hineingehen, ich würde meinen Plan ausführen, mich an meinen Schwur halten, den ich mir gegeben hatte, und abreisen, alles hinter mir lassen, vergessen, ignorieren. Hierzubleiben war keine Option. Nur, weil ich endlich ein paar Seiten geschrieben hatte, hieß das nicht, dass etwas aus der Geschichte werden könnte. Mein Geld wäre bald wieder aufgebraucht und ich könnte nicht einmal mehr nach Hause fahren. Es war zu unsicher, die ganze Idee war zu unsicher gewesen, hatte mich zuviel gekostet, nicht nur an Geld, nein, auch an Zeit, an Vertrauen, Vertrauen in mich. Ich nahm einen weiteren Schluck und beschloß, eine letzte Zigarette zu rauchen, noch einen Blick auf sie zu werfen, von hier aus, und dann zu gehen, so wie ich es vorgehabt hatte.

Ich rauchte langsam, ich wollte es so lange wie möglich rauszögern, den Abschied. Diesen endgültigen, diesen schmerzhaften. Ich trat die Kippe sorgfältig aus, warf einen letzten Blick in das Lokal – und genau in diesem Moment sah sie hoch! Und über ihr Gesicht strich ein Lächeln und ihre Augen trafen meine. Und dann pfiff ich auf Zuhause und betrat das Lokal, um diese Liebe zu erkunden, diese eine, große, einzigartige.

4.

Ich stand, wie fast jeden Tag, am Schaufenster der kleinen Buchhandlung und blickte auf die Auslage. Meistens blieb ich auf eine Zigarettenlänge stehen und starrte in den Laden. Und dabei dachte ich auch jedesmal zurück, wie ich vor etwa einem Jahr vor dem großen Fenster des Cafè gestanden hatte und Amelié still ansah, wie mich diese Sehnsucht zerriss, nach ihr – und an den Schmerz, den es mir verursachte, dass ich beschlossen hatte, Paris zu verlassen.

Ich hatte fertig geraucht und warf die Zigarette fort. Dann warf ich einen letzten Blick auf mein Buch, dass noch immer auf der Stellage für die besten Neuerscheinungen lag und las zum tausendsten Mal den Titel: ’’Ausgerechnet Paris’’. Mir wurde warm, obwohl ich nur einen leichten Leinenanzug trug. Aber dieser Mai fühlte sich schon jetzt an wie Hochsommer, der Flieder blühte überall in der Stadt und überzog die Straßen mit seinem Duft nach Sommer, Sehnsucht und Liebe. Ich musste lächeln, dann ging ich los, die paar Schritte, bis zum Cafè, in dem wie jeden Tag Pascal mit seinen Freunden saß, Wein trank, rauchte, diskutierte, träumte. Und wo auch auch Amelié bereits auf mich wartete.

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