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Il Colonnello – HEAT

Veröffentlicht: 1. August 2018 in night & day
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Die Hitze im Ort kotzte mich schon an, als ich noch nicht einmal ganz aus dem Zug gestiegen war. Die Luft staute sich in den engen Gassen wie eine Scheibe alter vergammelter Käse und war zum Schneiden dick. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, warum ich die Idee, den Auftrag anzunehmen, irgendwann gut gefunden hatte, aber ich konnte mich nicht erinnern. Der Bahnhof war noch viel abgefuckter, als ich ihn in Erinnerung hatte, und die Nutten rochen nach billigem Deo, Schweiß und Alkohol. Ich ignorierte die Taxifahrer, die mich bedrängten, um mich dann auf der Fahrt mit endlosen Umwegen abzuzocken, und lief stattdessen zu Fuß, bis ich die schäbige Absteige erreichte, die es tatsächlich immer noch gab, obwohl ich so lange nicht mehr hier gewesen war.
Der Typ an der Rezeption sah aus wie ein Junkie, aber vielleicht waren das an seinen Armen auch nur Mückenstiche, jedenfalls waren seine Arme so entzündet, dass man es nicht unterscheiden konnte. Er blickte nicht einmal auf, als ich ihm einen Geldschein hinstreckte, sondern schob mir nur einen der Schlüssel zu, die auf dem Tresen lagen. Ich fragte gar nicht weiter, die Zimmer waren eh alle scheiße, es war ganz egal, welches er mir gab.
Ich stieg in den zweiten Stock hinauf und als ich meine Türe aufsperren wollte, fand ich sie nur angelehnt. Instinktiv griff ich nach hinten an meinen Hosenbund, aber ich trug ja keine Waffe mehr, seit ich nicht mehr im Dienst war, und wieder ärgerte ich mich, dass es mir noch immer passierte, dass ich danach greifen wollte.
Das Zimmer war natürlich leer und die Luft stickig und ich öffnete das Fenster, was aber nur dazu führte, dass von draußen noch heißere und schwülere Luft hereinströmte.
Die Tagesdecke auf dem Bett war grau und verschlissen und als ich sie zurückschlug, sah ich die vergilbten Laken mit noch mehr Rissen und so deckte ich sie wieder darüber und ging ins Bad. Das Klo war mit Urinstein zugesetzt und das Fenster klemmte, aber es stand gerade so weit offen, dass jede Art Ungeziefer jederzeit nach Belieben rein oder raus konnte. Ich drehte den Wasserhahn auf, aber es tropfte nur etwas braune Brühe heraus und so ging ich zurück ins Zimmer, zündete mir eine Zigarette an und legte mich auf das Bett, das so weit durchhing, dass ich dachte, ich läge in einer Hängematte.

Ich hatte mein Handy auf den Nachttisch gelegt und auch versucht, das Ladegerät anzustecken, aber scheinbar hatte jemand die Steckdose für zuhause benötigt und einfach ausgebaut und nur die Drähte offen aus der Wand hängen lassen. Ich rauchte ein paar Zigaretten, aschte einfach auf den Boden, weil es natürlich keinen Aschenbecher gab, und es in diesem Dreckloch sowieso egal war, und drückte die Kippen jeweils einfach am Bettgestell aus und schnippte sie dann in eine Ecke des Zimmers.

Dreißig Jahre als Cop hatten mich Geduld gelehrt und so lag ich einfach da, starrte an die Decke und dachte an gar nichts. Mit den Stunden wurde das Licht im Zimmer immer diffuser, die Sonne war abgewandert, aber das bedeutete noch lange nicht, dass es abkühlte, im Gegenteil, jetzt spielte der Asphalt vor dem Haus seinen Joker aus und gab die Hitze des Tages, die er gespeichert hatte, langsam an die Luft ab.

Ich verfluchte Ricardo, diesen Wichser, dass er sich wieder darauf eingelassen hatte, zu dealen, und natürlich wie immer so schnell in der größten Scheiße gelandet war, die er alleine nie mehr hätte ausbaden können.

In eine der Glasscheiben der Fenster war ein Ventilator eingebaut, der sich träge drehte, und jetzt, als draussen langsam die Lichter angingen, warf irgendeine Neonreklame ihr Licht in die Rotoren, das sich darin brach und lustige Muster an die Wand warf. Die Geräusche der Stadt, die langsam erwachte und die Menschen nach draußen lockte, um vermeintlich etwas Abkühlung zu finden, lullten mich ein und irgendwann fielen mir trotz aller Anstrengung die Augen zu.

2.

Niemand kann sich vorstellen, wie riesig die Mündung einer Automatik aussieht, solange er noch keine auf sich gerichtet gesehen hat. Ich starrte in das schwarze Loch und bildete mir ein, die Patrone zu sehen, die ein hämisches Grinsen aufgesetzt hatte, in der Vorfreude, gleich in mich einzuschlagen. Sie hatten mir beide Waffen abgenommen, die aus dem Holster im Gürtel und die, die ich an der Wade versteckt trug. Der Schweiß lief mir in Sturzbächen den Rücken hinunter, während ich darum kämpfte, die Panik in mir zu verdrängen und nach einer Lösung suchte, wie ich hier noch einmal heil davonkommen könnte. Er hielt die Waffe ganz ruhig, ein amüsiertes Lächeln spielte um seinen Mund, er war Profi durch und durch und genoss die Situation förmlich. Klar, einen hochrangigen Bullen wie mich umzulegen, schaffte nicht jeder, und da wir hier am Hafen waren, würde er mich danach auch elegant verschwinden lassen, so dass er damit durchkommen würde.

Einer Kugel auszuweichen, die aus so kurzer Distanz auf einen abgefeuert wird, ist quasi unmöglich. Wenn sich der Finger am Abzug krümmt, ist es zu spät, dann schafft man es nicht mehr. Bewegt man sich zu früh, wenn der Schütze noch entspannt ist, hat man auch keine Chance. Auf zwei Meter kann er immer noch reagieren und tödlich treffen. Nein. Die einzige Möglichkeit, die es gab, war den Moment abzuwarten, den Augenblick zu erwischen, wenn er gerade überlegte, wohin genau er den Schuss platzieren wird. Die Millisekunde, bevor er abdrückt, wenn er sich festgelegt hatte, dann hat man den Hauch, den minimalen Hauch einer Chance, sich aus der Flugbahn zu werfen. Wie beim Elfmeterschießen. Da wartet der Schütze genau, bis er merkt, der Torwart hat sich für eine Ecke entschieden, und nutzt den Moment aus. Nur, die Kugel wird einen trotzdem erwischen. Es geht nur darum, dass sie einen nicht tötet.
Ein Schweißtropfen löste sich von meiner Stirn, rann durch meine Augenbrauen und von dort über mein Augenlid und tropfte schließlich auf meine Wange und lief über meine Backe. Er hatte es nicht gesehen und jetzt dachte er, es wäre eine Träne und sein Lächeln wurde höhnisch. Es amüsierte ihn, dass ein harter Hund wie ich heulte, und dann merkte ich an seinen Augen, dass er gleich abdrücken würde.
Ich hatte mein ganzes Gewicht unauffällig auf mein rechtes Bein verlagert und als ich sicher war, dass er gleich schießen würde, katapultierte ich mich mit aller Kraft nach links, um durch das geschlossene Fenster zu hechten. Ich wusste, dass er mich erwischen würde, und ich versuchte, mich so gut ich konnte, auf den Schmerz vorzubereiten, der mich gleich durchfahren würde. Viele Kollegen hatten mir im Lauf der Jahre zu beschreiben versucht, wie es sich anfühlt, wenn einen eine Kugel erwischt. Aber nichts von dem, was ich mir bisher darunter vorgestellt hatte, kam auch nur annähernd an den Schmerz heran, den ich fühlte, als mich die Kugel an der rechten Schulter traf.
Zum Glück hatte er sich, als ich sprang, mit mir gedreht und so traf mich das Geschoss in einem günstigen Winkel und das schwere Kaliber beschleunigte meinen Sprung. Das Fenster war aus einfachem Glas und ich hatte gehofft, der Rahmen wäre so morsch wie der Rest dieses alten Hafengebäudes, eine riesige Holzhalle, die seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wurde.
Die Kugel traf mich genau, als ich durch die Scheibe flog. Der Schmerz dröhnte durch meinen Körper und alles schien sofort still zu stehen. Wie eine Slow-Motion-Aufnahme sah ich die Glassplitter herunterrieseln, sie schwebten wie dicke, fette Schneeflocken sanft vom Himmel und auf einmal war ich wieder ein Kind und in den Bergen im Urlaub, stand am Fenster der Blockhütte meines Großvaters und sah dem Schnee draußen zu, während im Kamin ein heimeliges Feuer prasselte, gelegentlich unterbrochen von einem Knall, wenn das Holz der dicken Scheite barst. Der Knall! Er hallte in meinen Ohren nach, in einem unendlichen Echo, und plötzlich schüttete mein Biosystem alles an Adrenalin aus, was es nur verfügbar hatte, und mein Herzschlag ging mit einer maximalen Frequenz in den dunkelroten Bereich. Irgendwie schaffte ich es, zu denken, hoffentlich hat er keine Arterie getroffen, denn bei diesem Puls würde sich mein gesamtes Blut in wenigen Sekunden komplett aus meinem Körper pumpen.
Und dann kam der Schmerz, der bisher nur in meiner Vorstellung existiert hatte, als wolle mein Körper mich darauf vorbereiten, durch die Nervenbahnen in meinem Gehirn an, und die Zeitlupe endete abrupt. Ein Gefühl, als trennte mir jemand mit einer Kettensäge den Arm ab, so beschreibe ich es noch heute, und dann, dann war ich endlich durch das Fenster und fiel gut vier Stockwerke tief, bis ich in der Hafenmole aufschlug und das Wasser und der Schmerz und der Schock mir gnädig das Bewusstsein nahmen.

Ich schreckte schweißgebadet hoch und brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass ich nur geträumt hatte, den immer gleichen Traum, seit mich die Kugel erwischt hatte. Das Zimmer war jetzt wieder heller, draußen waren inzwischen alle Lichter angegangen und eine Reklametafel warf ihr fahles Licht durch die Fenster und tauchte den Raum in ein schwarzweißes, grell diffuses Licht und machte mich damit irgendwie zum Darsteller in einem alten Film Noir.

Im Nachbarzimmer war es laut geworden. Scheinbar stritt eine Nutte mit ihrem Freier, ich nahm das automatisch an, denn kein normales Paar wäre freiwillig in diesem Loch abgestiegen, noch nicht mal Paare, die nicht gesehen werden wollten. Hierher kamen nur Nutten und Junkies, stundenweise, und Freier, die zu besoffen waren, um noch viel wahrzunehmen.
Scheinbar hatten sich die beiden geeinigt, denn jetzt hörte man das Bett rhythmisch quietschen und während der Mann laut grunzte, hörte ich sie professionell stöhnen, unterbrochen von ein paar lapidaren Anfeuerungsrufen, wie toll er sei.
Ich zündete mir eine weitere Zigarette an und dann holte ich den Flachmann aus meiner Tasche, den ich vorsorglich mit Whiskey gefüllt hatte, und nahm einen tiefen Schluck.
Die Kippen, die ich alle in eine Ecke geschnippt hatte, ergaben schon einen stattlichen Haufen und seufzend zündete ich meine letzte Zigarette an und sah dann wieder auf mein Handy, ob ich vielleicht doch den Anruf verpasst hatte, auf den ich wartete.
Nebenan wurde es wieder laut. Die Frau schrie auf und kurz danach polterte es und dann hörte man ein Klatschen, scheinbar als er sie schlug und dann ein Wimmern und dann war wieder Stille.

Ich musste hier raus. Ich brauchte etwas zu Essen, ein paar sehr kalte Drinks, Zigaretten und vor allem frische Luft. Wobei Letzteres in diesem versifften Stadtteil vermutlich auch nicht wirklich garantiert war. Ich steckte das Handy ein und als ich nach dem Türknauf griff, ging das Geschrei im Nachbarzimmer wieder los. Ich fragte mich, was die zwei da veranstalteten. Es klang, als fielen ein paar Möbel um, dann schrie die Frau wieder auf, vermutlich schlug er sie wieder, dann hörte ich ein dumpfes Geräusch und danach ein Grunzen, das in ein Wimmern überging. Ich öffnete die Türe und trat einen Schritt auf den Gang, als die Nachbartüre aufgerissen wurde und gegen die Wand krachte. Eine Frau lief aus dem Zimmer. Sie war noch jung, auch wenn sie tonnenweise Make-up im Gesicht hatte, sah man sofort ihre Jugend. Sie trug die klassische Uniform aller Straßenhuren, einen Minirock, der kaum breiter als ein Gürtel war, halterlose Strümpfe, eine knappe Bluse in grellem Neongrün und hatte die Haare hochtoupiert wie ein Filmsternchen aus den Achtzigern. Ihr Gesicht war verschmiert von Schminke, Schweiß und vermutlich Tränen, die ihr seine Schläge in die Augen getrieben hatten.
Sie lief auf mich zu und sah mich an und hinter ihr kam ein Mann getorkelt. Er war bestimmt gute fünfzig, hatte einen gewaltigen Bauch und um seine Beine baumelte die Hose, die er versuchte, im Laufen hochzuziehen. Gleichzeitig presste er eine Hand auf seinen Unterleib, vermutlich hatte sie im beherzt in die Eier getreten, das war wohl der dumpfe Schlag gewesen, den ich gehört hatte, bevor sein Grunzen und Wimmern alles übertönt hatten. Er versuchte sie einzuholen, aber auf der Türkante stolperte er und fiel der Länge nach hin und landete mit dem Gesicht auf dem ekligen Flurteppich.
Ich hatte meine ganze Dienstzeit immer wieder mit solchen Typen und auch den Straßenmädchen zu tun gehabt. Erstere konnte ich gar nich genug verachten. Ich hatte nichts gegen Männer, die bereit waren, für ein bisschen Liebe oder Ficken zu bezahlen, wenn sie sich dabei benahmen. Aber Typen in solchen Absteigen waren unterste Schublade. Sie wollten meistens nur harten Sex, den Frauen wehtun und es war ihnen scheißegal, in welcher Umgebung sie das taten, wie erniedrigend das war, für die Frauen, die nie vorgehabt hatten, so tief abzustürzen, dass sie sich mit Freiern wie diesen über Wasser halten mussten, oder schlimmer, von ihren Zuhältern dazu gezwungen wurden.
Sie war jetzt auf meiner Höhe, wollte an mir vorbeihasten, während der Koloss am Boden stöhnte und sich anschickte, sich wieder aufzurichten. Er würde sie garantiert einholen, denn auf ihren High Heels war sie nicht wirklich schnell. Mein Arm schoss nach vorne, packte ihren Oberarm und dann schleuderte ich sie mit einem kräftigen Ruck in mein Zimmer und baute mich vor der Türe auf. Jetzt hatte sich der Kerl hochgehievt und wankte ebenfalls den Flur entlang auf mich zu.
»Sie ist da die Treppe runter«, lächelte ich ihm zu und zwinkerte verschwörerisch mit einem Auge.
Er sah mich kurz an, nickte, machte seine Hose endlich ganz zu und dann hörte ich ihn auch schon die Treppe runterpoltern.

3.

Wir saßen in einem winzigen Lokal in einer Seitenstraße. Ich hatte mein zweites Bier, das eiskalt aus dem Hahn gezapft war und eine Schüssel mit frittierten Sardinen vor mir. Ich aß gierig und ab und zu riss ich dazu ein Stück Brot ab, um dann wieder mit dem Bier nachzuspülen. Sie hatte mir ihre Schachtel mit Zigaretten auf dem Tisch liegen gelassen und sich kurz entschuldigt, um sich etwas frisch zu machen.
Ich nahm mir eine ihrer Zigaretten und blies nachdenklich den Rauch aus. Noch immer hatte ich den Anruf nicht erhalten, auf den ich wartete. Ob sie das Hotel beobachteten? Das wäre schlecht, sehr schlecht, denn eigentlich hätte ich mich nicht wegbewegen sollen. Nachdem ich die Frau in mein Zimmer gezerrt hatte und ihr Freier der falschen Fährte die Treppe hinabgefolgt war, hatte ich die Türe geschlossen. Sie stand noch immer heftig atmend einfach da und starrte mich an. Das Licht der Neonreklame ließ sie fahl und alt aussehen und sie war angespannt, bereit, sich erneut zu wehren, falls auch ich auf sie losging.
Ich hatte die Hände gehoben und ihr meine Handflächen gezeigt, eine Geste, die immer beruhigend auf das Gegenüber wirkt.
»Keine Angst, ich tue Ihnen nichts. Ich wollte Sie nur vor dem fetten Schwein retten. Ich habe die Prügelei gehört, die ihr euch geliefert habt.«
Sie hatte mich eine Weile prüfend angesehen und schließlich nickte sie:
»Danke!«
Eine ganze Weile standen wir uns schweigend gegenüber, bis ich sie fragte:
»Kennen Sie ein Lokal in der Nähe, wo ich ein kaltes Bier und etwas zu essen bekomme?«

Ich nahm mir noch eine der Zigaretten und starrte dumpf vor mich hin. Es war einfach nicht mehr wie früher, als so eine Scheiße mein tägliches Brot war. Ich war ausgelaugt, nur von den paar Stunden. Und naja, auch natürlich von dem Gespräch, das meinem ’’Auftrag’’ vorangegangen war.
Wieder verfluchte ich Ricardo, wegen diesem Trottel hatte ich den ganzen Schlamassel jetzt am Hals. Ricardo war ein junger Aufschneider, der jeden Tag wie ich am Strand war. Nur, während ich versuchte, mich durch sämtliche Bücher zu lesen, zu denen ich in meiner Dienstzeit nie gekommen war, hing er mit ein paar anderen Schnöseln einfach ab. Die meisten Jungs aus der Clique brauchten nicht zu arbeiten, sie waren schon reich geboren und verbrachten ihre Tage damit, Frauen aufzureißen, zu trinken und sich irgendwelchen Unsinn auszudenken. Einer von ihnen, Pepe, gefiel sich in der Rolle des Superdealers. Oft am Tag beobachte ich von meinem Platz aus, wenn ein paar junge Frauen zu ihm kamen, um ein wenig Stoff zu kaufen. Meist verhandelte er dann ein wenig, um danach hinter den Kabinen am Strand zu verschwinden. Sein Vater besaß mehr Geld als Gott und es war ihm scheißegal, an den Drogen etwas zu verdienen. Meist ließ er sich von einer der Käuferinnen einfach einen blasen, oder auch gleich abwechselnd von beiden, um dann mit einem selbstgefälligen Siegerlächeln, oder was er dafür hielt, wieder seinen Platz am Strand einzunehmen. Ricardo war der einzige in der Runde, der nichts hatte. Keinen Job, keine reichen Eltern, kein Geld. Er bewunderte diese Arschlöcher und vermutlich hatte er den ganzen Tag einen Ständer, weil sie ihn in ihren Kreisen duldeten.
Eigentlich war Ricardo das größte Arschloch von allen. Aber Ricardo war auch der, der mich aus dem Meer gefischt hatte, als ich mehr tot als lebendig mit meiner zerfetzten Schulter darin herumgetrieben war. Und jemand, der dir das Leben gerettet hat, ist jemand, dem du für immer verbunden und verpflichtet bist. Zumindest war das in meiner Welt so. Also tat ich seitdem alles, um ihn aus größerem Ärger herauszuhalten, ihn zu beschützen und ein Auge auf ihn zu haben.

Und dann hatte er irgendwann seine große Chance gewittert, mitzumischen, ein Großer zu werden. Nur weil er eben ein blöder Wichser war, ging das alles schief und so kam er eines Nachts zu mir nach Hause, blutend, grün und blau geschlagen und zitternd wie ein kleines Mädchen.
Er hatte mir eine wirre Geschichte erzählt, von einem Drogendeal, viel Geld und warum alles schiefgelaufen war und er natürlich nichts dafür konnte. Wäre er nicht so zugerichtet gewesen, ich hätte ihn persönlich windelweich geschlagen, an diesem Abend. Er hatte sich mit dem Don des Gebiets angelegt, Drogen gestohlen und war so gut wie tot.

Ich versteckte ihn zwei Tage bei mir und überlegte hin und her, was zu tun war und schließlich machte ich mich auf, zu einer Audienz, um die Sache geradezubiegen.

Don Capreone war noch einer der Bosse ganz alter Schule. Und ich ein ehemaliger Bulle. Ich wusste, dass er nichts durchgehen ließ. Und er kannte meinen Ruf. Ich war ein knallharter Cop gewesen, hatte viele seiner Leute entweder erschossen oder eingesperrt. Aber mein Ruf war auch, dass mein Wort galt und ich absolut integer war. Auf eine subtile – fast perverse – Art respektierten wir beide uns.
Wir sprachen lange, an diesem Nachmittag, tranken fast zwei Flaschen Wein und diskutierten bis aufs Blut. Er wollte Ricardo das alles nicht so einfach durchgehen lassen. Aber er wollte auch keinen Krieg mit den Carabinieri, denen ich als Colonnell angehört hatte.
Und schließlich einigten wir uns. Er schickte mich auf ein Selbstmordkommando. Eine verfeindete Familie versuchte seit einiger Zeit, in sein Gebiet einzudringen. Er wollte Stärke zeigen und einen großen Drogendeal mitten in ihrem Revier abwickeln, natürlich nur zum Schein. Und er würde den Deal groß ankündigen. Ich sollte Drogen liefern und das Geld dafür in Empfang nehmen. Nur, ich würde keine Drogen dabei haben und die Käufer würden keine Käufer sein, sondern Killer, die mir, respektive ihm, zeigen sollten, dass er dort nichts verloren hatte. Der Masterplan war, ich käme mit dem Geld zurück und hätte die Killer erledigt. Käme ich ohne Geld, weil die gar keines mitbrächten, und ich erledigte sie, auch gut. Oder ich ging dabei drauf. Was ihm scheißegal wäre. In allen drei Fällen wäre Ricardo aus der Sache raus. Eine aussichtslose Mission. Für mich. Aber ich sagte zu und gab ihm mein Wort.

4.

Sie kam zurück an den Tisch und sah völlig verändert aus. Ihre Haare waren jetzt offen und fielen in sanften Locken weich um ihr schön geschnittenes Gesicht. Sie hatte sich die verschmierte Schminke einfach abgewaschen und jetzt sah man erst richtig ihre Jugend und ihre wundervolle zarte Haut, die gar kein Make-up nötig hatte. Ihre Augen strahlten und sie sah plötzlich so vital und gesund aus. Durch das schummrige Licht im Lokal wirkte das grässliche Neongrün ihrer Bluse fast wie Anthrazit und als sie wieder am Tisch saß, verdeckte der den viel zu kurzen Minirock, die halterlosen Netzstrümpfe und die goldglänzenden High Heels. Ich starrte sie eine ganze Weile einfach nur fasziniert an und schließlich wurde sie verlegen und drehte eine der Locken um ihren Finger und dann nahm sie sich auch eine Zigarette und sah mich an:
»Bekomme ich auch was zu trinken?«

Später standen wir auf der Straße und wussten beide nicht so recht, was wir sagen sollten und schließlich fragte sie mich:
»Gehst du wieder ins Hotel?«
Ich nickte und sie sah mich prüfend an und dann zögerte sie nochmals, bis sie endlich sprach:
»Du bist ein Bulle, nicht wahr?«
Ich musste schmunzeln. Sie war gut. Oder ich roch immer noch danach. »Ja.«, sagte ich dann einfach. Und nach einer Weile: »Aber nicht mehr im Dienst.« Ich schnippte meine Zigarette, die ich aufgeraucht hatte, fort und dann sah ich sie wieder an: »Nicht mehr im Dienst.«
Sie nickte:
»Okay. Ich muss auch ins Hotel, mein Handy liegt noch in dem Zimmer.«

Und dann liefen wir schweigend nebeneinander her den Weg zurück und als wir um die letzte Hausecke bogen, blieben wir beide wie angewurzelt stehen, weil vor dem Haus unzählige Polizeifahrzeuge standen, alle mit Blaulicht und ein Absperrband war vor dem Eingang zum Hotel und gerade kamen noch zwei Krankenwagen und eine Feuerwehr an.

Mein Herz raste und innerlich zerbarst ich förmlich vor Aufregung, aber ich war zu lange darauf trainiert worden, mir das nicht anmerken zu lassen. Und ich musste wissen, was passiert war und so hakte ich ihren Arm bei mir unter und dann zog ich sie mit und wir liefen ganz langsam auf den Eingang und den Polizisten, der davorstand, zu.
Ich musste unbedingt herausfinden, was geschehen war und jetzt kam mir zugute, dass sie, von ihrem Gesicht und den Haaren abgesehen, wie eine Bahnhofsnutte aussah.

Kurz bevor wir den Eingang erreichten, flüsterte ich ihr zu: »Ich bin ein Kunde und du willst mit mir in dein Zimmer und falls sie das nicht erlauben, machst du Theater und bestehst darauf, dein Handy zu holen!«
Sie nickte unmerklich und dann waren wir angelangt und der Uniformierte hob die Hand:
»Sie können hier jetzt nicht rein! Bitte gehen Sie weiter.«

Sie schaute ihn an und dann zog sie die Augenbrauen zusammen und begann eine endlose Diskussion, in der sie abwechselnd schrie, tobte, heulte und bettelte und schließlich wurde es dem Kerl zu viel und er rief einen anderen Beamten und sagte ihm, er solle sie kurz nach oben begleiten, um ihr Handy zu holen und dann schlüpften beide unter dem Absperrband durch und verschwanden im Gebäude.

Ich wollte den Polizisten fragen, was denn passiert sei, aber er ahnte das und drehte sich demonstrativ von mir weg und starrte auf einen imaginären Punkt, und so blieb mir nichts anderes übrig, als nervös von einem Fuß auf den anderen zu treten und zu warten.

5.

Als sie endlich wieder herauskam, trug sie ihr Handy demonstrativ vor sich her und dann nickte sie mir kurz zu und ich nahm wieder ihren Arm und wir gingen einfach weiter.
»Hast du was sehen können?«
Sie war bleich und zitterte leicht und wir blieben stehen und sie zündete sich mit fahrigen Fingern eine Zigarette an:
»In deinem Zimmer liegen vier Männer. Alle erschossen. Überall ist Blut und Fliegen schwirren herum und ich …« Sie wandte sich um und dann erbrach sie sich in den Rinnstein und ich legte meine Arme um ihre Schultern und hielt sie einfach fest, bis ihr Körper aufhörte zu zittern.

Dann gingen wir langsam weiter, sie hatte sich eine neue Zigarette angezündet und auch mir eine gereicht und wir hingen unseren Gedanken nach. Vier Männer also. Ich versuchte, mir zusammenzureimen, was passiert war. Der abstruse Plan von Don Capreone war es gewesen, mich anzukündigen, darauf zu vertrauen, dass die örtliche Familie die Käufer meiner fiktiven Ware erledigen würde, und dann stattdessen zu mir käme, um an mir ein Exempel zu statuieren. Und im Idealfall hätte ich sie alle umgelegt, was natürlich völliger Schwachsinn war. Nun, wahrscheinlich hätte das auch soweit funktioniert, nur war wohl einer aus Versehen übergeblieben und der hatte dann die Killer im Hotel erledigt und war selbst dabei draufgegangen.

Wir hatten jetzt die Rückseite des Hotels erreicht und dort parkte eine dunkle Limousine mit ganz speziellen Felgen und ich erkannte den Wagen sofort wieder, ich hatte ich gesehen, als ich angekommen war, da hatte er gegenüber des Bahnhofs gestanden. Sie hatten mich also tatsächlich die ganze Zeit beobachtet. Der Wagen war leer und ich probierte, die Türe zu öffnen. Natürlich war sie nicht abgeschlossen. Man schließt Fluchtwagen nicht ab. Und natürlich war in meinem Zimmer im Hotel kein Geld. Man nimmt das Geld nicht mit, bei einem neuen Geschäftskontakt. Entweder hat man gar keins dabei, weil man die Ware klauen will, oder man lässt es im Auto und holt es erst, wenn man die Lage gecheckt und die Ware geprüft hat. Ich beugte mich in den Fußraum und zog am Hebel und die Kofferraumklappe schwang auf. Und tatsächlich, darin lag eine schwarze Sporttasche und ich nestelte den Reißverschluss auf, und dann stockte mir kurz der Atem, denn sie war randvoll mit Geld.

Sie war neugierig neben mich getreten und blickte ebenfalls auf den Inhalt der Tasche.
»Das ist …«, sie stockte kurz, »das ist eine Menge Geld!«
Ich nickte: »Oh ja.«

Ich zog den Reißverschluss zu, klappte den Kofferraumdeckel herunter, wischte meine Fingerabdrücke sorgfältig vom Blech und vom Hebel im Fußraum und dann schulterte ich die Tasche.

»Was wirst du damit tun?« Sie sah mich abwartend an.
»Ich bringe es dem, der mich hierhergeschickt hat.«
Wir sagten beide eine ganze Weile nichts. Dann schluckte sie ein paar Mal:
»Was man damit alles anfangen könnte … willst du es wirklich hergeben? Man könnte ein ganz neues Leben beginnen …«.
Sie beobachte mich genau und ich sah in ihr Gesicht. Wenn man ihre grässlichen Klamotten ausblendete und nur ihr Gesicht betrachtete … Gott, sie war wunderschön! Im fahlen Licht der Straßenlaterne sah sie aus wie ein Engel. »Ein gefallener Engel«, ging mir durch den Kopf.
Ich verstand zu gut, was sie meinte. Die Verlockung, irgendwo noch einmal ganz neu anzufangen. Ein neues Leben zu beginnen. Alles auf Null zu setzen. Aber das funktionierte nicht. Sowas funktionierte nie. Ich kannte genug, die es versucht hatten. Die irgendwann der Versuchung erlegen waren und abgehauen waren. Aber keiner war glücklich geworden. Wir haben nun mal unser Leben. Wir können es nicht einfach gegen ein anderes, neues, tauschen. Wir können es ändern, ja, wir können alles ändern. Aber wir können es nicht einfach abstreifen und jemand anderes sein, jemand neues. Das klappt nicht.
Ich schüttelte den Kopf:
»Das funktioniert nicht. Ich will nicht den Rest meines Lebens nach hinten schauen, ob sie mich endlich gefunden haben. Und solche Leute finden einen immer. Irgendwann.«
Jetzt nickte sie:
»Solche Menschen geben nie auf, bis sie einen finden.«
Wieder sahen wir uns an. Sie wirkte entspannter, jetzt, und dann sprach sie wieder:
»Und du stehst im Wort, oder?«
Ich musste schmunzeln. Sie war gut, wirklich gut.
»Ja. Ich stehe im Wort. Und das für jemanden, dem ich verpflichtet bin.«
»Dann war’s das jetzt? Mit uns?«
Wieder sah ich lange in ihr Gesicht, betrachtete ihre ebenmäßigen Züge, die wundervollen grünen Augen, ihre Jugend. So sollte sie aussehen. Nicht so, wie ich sie heute Nachmittag kennengelernt hatte. Mit der Schminke. Mit ihrer Uniform, die sie trug, auch um die Männer zu ertragen, die zu ihr kamen, sich nahmen, was sie wollten, für das bisschen Geld. Plötzlich regte sich eine Sehnsucht in mir, ein Verlangen, aber nach ihr als Mensch, nicht nur als Frau.
»Das muss es nicht. Warum kommst du nicht mit mir? Ich habe eine gute Rente und ein kleines Haus am Meer.« Ich merkte, wie die Aufregung in mir hochstieg. »Und einen Garten am Haus«, schob ich dann noch etwas hilflos hinterher.
Sie sah mich an, Erstaunt erst, dann lächelte sie:
»Du hast noch nie eine Frau geschlagen, nicht wahr?«
Ich schüttelte den Kopf: »Nein! Noch nie.«
Wir standen da, starrten uns gegenseitig an und dann, als es fast unerträglich wurde, war sie es, die meinen Arm nahm.
»Machst du eine ehrbare Frau aus mir?«
Ich musste lachen: »Ja. das werde ich.«
Wir setzten uns langsam in Bewegung.
»Und können wir einen Hund haben?«
Wieder musste ich lachen:
»Ja, wenn du willst.«
»Und Babys? Können wir ein paar Babys haben?«
Und dann gingen wir los in Richtung Bahnhof und kurz blieb sie stehen, schaltete ihr Handy aus, das sie noch immer in der Hand hielt, und dann schleuderte sie es mit aller Kraft an die Hauswand, wo es in tausend Stücke zerbarst.

HEAT-il colonnello

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Gentlemen Sex

Veröffentlicht: 14. März 2018 in night & day
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1. Der Tag war heiß gewesen, kein angenehmer Sommertag, sondern schwül und drückend und als die Sonne endlich hinter den Dächern der Stadt versank, atmete jeder erst einmal auf. Ich schob mißtrauisch die Jalousie zur Seite und dann öffnete ich entschlossen das Fenster. Die Luft war tatsächlich kühler jetzt, angenehmer und ich sog sie gierig in meine Lungen. Wir hatten uns den ganzen Tag in der Wohnung vergraben und uns vom Ventilator anblasen lassen, der träge seine Runden an der Decke über unserem Bett drehte. Sie trat hinter mich, noch immer nackt, wie ich, und sobald sie sich an mich lehnte, begannen unsere Körper sofort aneinander zu kleben. Die Luft in der Wohnung war feucht und abgestanden, eine Mischung aus Tabak, schalem Whiskey und viel Sex, der uns den Schweiß nur so herausgetrieben hatte, jedesmal, wenn wir uns geliebt hatten.

2. Wir hatten gut gegessen, bei einem neuen Italiener, in der Stadt, und waren dabei draußen gesessen, nah am Fluß, und hatten uns Zeit gelassen, viele Kleinigkeiten bestellt, Fisch und Muscheln in jeder Variation, dazu eine Flasche leichten Weißwein gehabt, den unser Kellner in einem Eiskübel an unseren Tisch gestellt hatte. Wir redeten viel und lachten uns kaputt, als wir uns an den Tag erinnerten, die Hitze in unserer Wohnung und wie fertig wir am Nachmittag gewesen waren. Jetzt, nach dem Essen und dem Wein und dem Schnaps, den wir noch bekamen, waren wir wieder hergestellt, fit, unternehmungslustig. Die Bar fiel mir ein, in die wir schon so lange hatten gehen wollen, in dem Hotel, das ganz in der Nähe war. Und so rauchte ich noch eine Zigarette und dann gingen wir engumschlungen am Fluß entlang, um noch ein paar Drinks zu nehmen.

3. Ich liebe Hotelbars. Meist sind sie gediegen, oder wuchtig, selten übertrieben – und fast nirgends findet sich ein besserer, aufmerksamerer Service als in einem Fünf-Sterne-Haus.
Diese Bar war klassisch, konservativ, ganz an der Zielgruppe der meisten Hotelgäste orientiert. Schwere schwarze Ledersessel, kleine Tische, am Rand, mit wenigen Stühlen, die Bar selbst aus Mahagoni, glänzend, gut bestückt und durch eine indirekte Beleuchtung perfekt in Szene gesetzt. Es gab insgesamt drei Barkeeper, die nur für das Wohl der Gäste zuständig waren, die sich direkt an den Tresen setzten, dazu nochmals einige livrierte Kellner, die ständig unauffällig durch den Raum kreisten, um auch hier jeden Gast schnell und fürsorglich zu bedienen.

Sie hatte ein einfaches schwarzes Kleid gewählt, für diesen Abend und ich war mir so gut wie sicher, dass sie darunter keine Unterwäsche trug. Und obwohl ich es kaum aushielt, nachzusehen, war ich ganz brav gewesen, bisher, denn ich wollte mir diesen aufregenden Moment, wenn ich meine Hände unter den Saum schob, noch aufheben. Dieses unbeschreibliche Gefühl, wenn ich dann langsam nach oben glitt, bis ich ihre Pobacken in der Hand hielt, ohne weiteren störenden Stoff. Sie hatte die Haare offen und ihre blonden Locken fielen frech immer wieder vor ihr Gesicht. Ihr Make-up war dezent, und sie hatte eine ihrer Brillen gewählt, die ihr ein wenig den Touch einer Business Frau gab – mit einem Hauch frivolem Luder dazu. Ihr Gesicht war so wandlungsfähig – sie konnte jederzeit innerhalb von Sekunden so eine Bandbreite an Ausdrücken abrufen, dass mir noch immer häufig der Atem stockte. Und als wir die Bar betraten, in der nur ein paar wenige Paare saßen, dafür um so mehr Männer alleine, wurde ihr Gesicht fast automatisch zu dem einer Diva. Wir waren kurz am Eingang stehen geblieben. Ich scannte den Raum nach einem geeigneten Platz, sie ließ einmal ihren Blick kreisen. Es war wie immer. Wenn sie einen Raum betrat und es so wollte, dann knisterte die Luft. Die Männer, die in Begleitung waren, blickten schnell und schuldbewusst weg, natürlich erst, nachdem sie sich einen Augenblick zu lange an ihrem Anblick festgesaugt hatten. Jetzt liefen sie Gefahr, dass ihre Begleiterinnen das Verlangen spürten, das sie in ihnen auslöste und so nahmen sie alle etwas zu hastig, viel zu auffällig, wieder ihre Gespräche auf.
Die Single-Männer hatten diese Sorgen natürlich nicht. Aber auch sie blickten schnell wieder in eine andere Richtung. Denn dem Blick ihrer grünen Augen standzuhalten war nicht einfach.

4. Ich hatte einen Tisch gewählt, an dem nur drei Stühle standen und der uns ermöglichte, die gesamte Bar zu überblicken. Freilich nur, wenn wir dazu die Köpfe etwas drehten, ansonsten sahen uns die anderen nur im Profil. Und hatten somit auch die Gelegenheit, sehnsuchtsvolle Blicke auf ihre Brüste zu werfen, die aus dieser Perspektive, in dem engen Kleid, besonders gut zur Geltung kamen.
Wir hatten die erste Runde unserer Drinks vor uns, ich wie immer einen Whiskey Sour, sie eine Mojito und waren gerade in unser Gespräch vertieft, als mein Handy summte.

Ich stand vor dem Lokal und während ich den Anruf abwickelte – einen dieser Anrufe, die sich leider nicht aufschieben lassen – rauchte ich eine Zigarette und genoß den Blick auf den Fluß, der jetzt silbrig im Mondlicht schimmerte und an vielen Stellen auch die Lichter der Stadt spiegelte. Es war ein bezaubernder, beruhigender Anblick und als ich mein Telefonat beendet hatte, zündete ich mir noch eine weitere Zigarette an, um noch ein paar Minuten zu gewinnen, diese Stimmung zu genießen. Der Abend war einfach perfekt. Wir würden noch ein paar Drinks nehmen und uns irgendwann auf den Weg nach Hause machen. Vielleicht würde ich schon auf dem Weg irgendwo nachsehen, ob sie nun ein Höschen trug oder nicht, sie in irgendeinen dunklen Hauseingang ziehen, ihr Kleid hochschieben und sie hart gegen irgendeine Haustüre ficken. Oder vielleicht bekam ich ich ja auf dem Weg schon einen Blowjob, in einer dunklen Seitenstraße, gegen irgendein Auto gelehnt. Ich spürte, wie mir das Blut in die Lenden schoß und musste lächeln. Dann trat ich die Zigarette sorgfältig aus und ging zurück an unseren Tisch.

5. Es hatte sich wenig verändert. Ein paar Gäste fehlten, zwei oder drei neue waren hinzugekommen. Nur als ich an unseren Tisch kam, war ich erstaunt, denn sie hatte einen frischen Drink vor sich stehen, obwohl ihr erstes Glas noch halb voll war.
»So durstig?«, fragte ich sie amüsiert.
»Nein, ich …«, ihr Blick ging kurz zur Seite, in den Raum.
Ich wollte gerade Fragen, was denn passiert war, als mich unser Kellner unterbrach. Er stellte ein Glas Whiskey vor mich und noch ehe ich ihn fragen konnte, was das sei, zog er sich bereits wieder hastig zurück. Ich hob das Glas an und sofort stieg mir der Geruch von Torffeuer in die Nase. Es war nur ein winziges Stück Eis im Glas, ganz so, als hätte jemand nicht gewusst, ob ich mit oder ohne Eis bevorzuge und wollte mir beide Optionen offen halten. Ich schnupperte nochmals am Glas und nahm dann vorsichtig einen Schluck. Ich hatte mich nicht getäuscht. Der Geschmack war unglaublich. Ich schloß kurz die Augen und für einen Moment vergaß ich alles um mich herum. Das war ohne Zweifel der beste Whiskey den diese Bar aufzufahren in der Lage war. Wer immer mir diesen Drink spendiert hatte, ich mochte ihn!
Ich öffnete die Augen, nippte erneut an meinem Glas und dann sah ich sie auffordernd an.
»Als du weg warst, da …«, sie beendete den Satz nicht, denn wieder ging ihr Blick zur Seite und blieb an einem Mann hängen, der geradewegs auf unseren Tisch zu steuerte.
Er hatte etwa mein Alter, irgendwas mit um die Vierzig, trug einen dunklen Anzug und dazu ein weißes Hemd mit Krawatte. Sein Gesicht war kantig, markant, seine Augen blau und sein Blick drückte eine souveräne Gelassenheit aus, eine Selbstsicherheit, die nicht gespielt war, sondern das Ergebnis aus vielen Jahren in sicher harten Verhandlungen und einem erfolgreichen Leben als Geschäftsmann. Er hatte die linke Hand in der Hosentasche und man konnte so gut seine teure Uhr sehen, eine Rolex, wie ich sie auch trug. Sein Haar war kurz geschnitten und schon grau, was ihm aber gut stand. Als er näher kam, sah ich, dass er am Ärmel seines Sakkos einen Knopf offen gelassen hatte. Ich musste ein wenig schmunzeln. Ich selbst machte das auch, obwohl mir jedesmal bewusst war, wie affig diese Geste ist, so konnte ich es mir doch nie verkneifen. Man sieht daran, dass der Anzug auf Maß geschneidert war. Sakkos von der Stange haben am Ärmel keine echten Knöpfe, sie sind nur aufgenäht. Aber ein Schneider macht echte Knopflöcher.

Sie war leicht rot geworden, als der Mann sich auf unseren Tisch zu bewegte, nicht wirklich, aber ihre Wangen hatten sich ganz leicht zartrosa eingefärbt, was sie noch bezaubernder machte, denn genau so sahen ihre Wangen auch aus, wenn sie erregt war.

Als der Unbekannte unseren Tisch erreicht hatte, blieb er in etwa einem halben Meter Entfernung stehen, deutete eine leichte Verbeugung an und richtete dann den Blick auf mich:
»Guten Abend, mein Name ist James Smith. Bitte entschuldigen Sie die Störung.« Damit nickte er kurz auch in ihre Richtung und sie verzog keine Miene, sondern blickte ihn nur direkt an – und um ihren Mund spielte dieses leise Lächeln, das alles ausdrückte und nichts; und mich jedesmal ganz schwach werden ließ, weil es so geheimnisvoll, so wundervoll war.
Er stutze so auch ganz kurz etwas irritiert, dann wandte er sich wieder an mich:
»Ich bitte Sie hiermit in aller Form um Entschuldigung.«
Nun war ich es, der irritiert war und so blickte ich ihn fragend an.
»Ah, gut, ich komme wohl gerade noch rechtzeitig. Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihnen dafür.« Damit deutete er auf den frischen Drink, den sie immer noch unangerührt vor sich stehen hatte und ich begriff langsam, worum es ging.
»Ich habe nicht gewusst, dass Ihre bezaubernde Begleitung mit Ihnen hier ist. Als ich ankam, sah ich sie alleine am Tisch sitzen und, nun, mir war klar, dass so eine Frau nicht lange unangesprochen bleiben wird und deshalb handelte ich schnell und ohne zögern und ließ ihr einen Drink servieren.«
Ich musste Lächeln. Er imponierte mir. Von allen Männern in der Bar, die voller Sehnsucht auf sie geschielt hatten, war er der einzige gewesen, der sich getraut hatte, aktiv zu werden. Während alle anderen noch haderten, sich ihre Chancen auszurechnen versuchten, hatte er einfach gehandelt. Und dafür hatte er meinen vollen Respekt. Und dass er er nun auch noch den Mut hatte, an unseren Tisch zu kommen um die Sache richtig zustellen, war an Stil kaum zu überbieten.
Ich stand auf und einen ganz kurzen Moment überlegte er, was nun auf ihn zukäme. Aber er zeigte keine Angst. Natürlich hatte ich an seinem Akzent bemerkt, das er Brite war. Ich schätzte ihn auf Oxford oder Cambridge ein, und dort hatte er sicher gerudert und geboxt, seiner Statur nach zu urteilen. Ich lächelte wieder, streckte meine Hand aus:
»Sehr angenehm, Mister Smith. Mein Name ist Peeter Cavendish. Ich nehme Ihre Entschuldigung an. Bitte, setzen Sie sich doch einen Moment zu uns.« Damit deutete ich einladend auf den freien Stuhl.
Er hatte meinen Händedruck erwidert, sympathisch kräftig, aber kein Kräftemessen, kein ’’wer zerquetscht dem anderen zuerst die Hand’’. Dann sah er zögernd auf den freien Platz, dann zu ihr. Sie ließ sich nichts anmerken, sah ihn nur ruhig an und dann, ein Nicken, nur minimal sichtbar und schließlich sprach sie das erste Mal, seit er zu uns an den Tisch gekommen war:
»Bitte, setzen Sie sich.« Ihre Stimme war rau und tief und melodisch und nur ich, der sie so gut kannte, hörte an ihrem Tonfall, dass sie die Situation mehr als aufregend empfand.

6. Als er sich gesetzt hatte entstand ein kurzes Schweigen, so, als hinge jeder seinen Gedanken nach und dann hatte er den Kellner gerufen.
»Lassen Sie mich das bitte mit einer neuen Runde Drinks wieder ganz in Ordnung bringen, ja?«
Ich nickte, fröhlich jetzt, den mir gefiel die Situation und auch sie hatte Vergnügen daran, wie ich ihren immer noch leicht rosigen Wangen entnehmen konnte.
Als wir alle mit frischen Getränken versorgt waren und angestoßen hatten, fragte ich ihn:
»Wo her aus England stammen Sie?«
»Ich bin in der Nähe von London aufgewachsen, habe in Cambridge studiert und arbeite jetzt für eine Firma die direkt in der City sitzt. Aber verzeihen Sie, Cavendish, Ihr Name, sind Sie ein Landsmann?«
»Nicht direkt, meine Familie ist seit vielen Generation schon nicht mehr auf der Insel, aber meine Wurzeln, ja, sind ganz aus Ihrer Nähe.«
Wir widmeten uns wieder unseren Drinks und schließlich sprach ich wieder:
»Sie sind geschäftlich hier in der Stadt?
»Ja, ich hatte ein paar Meetings und reise morgen wieder ab.«
»Sie wohnen hier im Hotel? Ist es zu empfehlen?«
»Oh ja, es ist ganz bezaubernd. Ich habe die Penthouse-Suite und sie ist wirklich wunderbar, auch wenn ich kaum Zeit darin verbracht habe. Heute ist der erste Abend, an dem ich nicht bei irgendwelchen Abendessen sitzen muss, sondern etwas Zeit für mich habe.«
»Verstehe.« Fast tat er mir ein wenig Leid, sicher wäre es ein grandioser Abschluss seines Aufenthalts gewesen, wenn er es geschafft hätte, eine Frau wie sie zu überzeugen, sich seine Suite anzusehen. Und ich sah ihr an, dass er ihr gefiel, als Mann.
Wieder ließen wir alle unsere Gedanken schweifen. Er erinnerte mich stark an mich, an damals, als ich auch noch jeden Tag in einem Anzug herumlief – mit offenem Knopf am Ärmel – und ständig irgendwo in irgendwelchen Hotels war, in fremden Städten, von denen ich meistens nur den Flughafen, das Hotelzimmer und triste Meetingräume zu sehen bekam. Und an die Abenteuer, die ich dennoch erlebt hatte, mit den verschiedensten Frauen, die ich meist nie wieder sah, aber die mir halfen, die Einsamkeit und die Anspannung etwas besser zu ertragen. Natürlich war er smart, sehr cool, sehr sicher, aber ab und an erkannte ich in seinen Augen eine leichte Sehnsucht. Diese Sehnsucht nach dem vermeintlich Normalen, einem geordneten Leben, einer Beständigkeit. Aber Männer wie er oder ich würden niemals diese Ruhe finden. Wir waren das Extreme zu sehr gewohnt. So sehr uns ein Leben jenseits irgendwelcher Normen auch aufrieb, wir würden niemals tauschen, wenn wir ganz ehrlich waren.
Wir hatten unsere Gläser geleert und gleich würde sich der Abend entscheiden. Entweder bestellten wir eine weitere Runde, aber dann würden wir beginnen uns in belanglosem Blabla zu ergehen, oder unsere Wege trennten sich wieder; und das für immer.
Ich zögerte kurz, sah sie an, sah wie ihre grünen Augen flackerten, sah ihre Faszination, darüber, dass hier zwei Männer saßen, die sich so ähnlich waren. Freilich nur innerlich. Nach außen hin war ich das komplette Gegenteil von ihm. Ich hatte meine Firma längst verkauft, war orientierungslos durch mein Leben getorkelt, hatte begonnen zu schreiben und dann hatte sie mich aufgefangen, in einem Moment, in dem ich alles in Frage gestellt hatte und eigentlich keinen Sinn mehr in irgendetwas sah. Ich lebte jetzt dieses Leben als Künstler, pfiff auf Etikette, trug nur noch Jeans und hatte alles abgelegt, was mich noch mit meinem damaligen ’’Ich’’ als seriösen Geschäftsmann verband. Ich nippte den Rest des Drinks aus meinem Glas und dann traf ich eine Entscheidung.
»James, ich mag es, wie Sie mit der Situation umgegangen sind, heute. Darf ich Sie etwas fragen?«
Er sah mich lange an, ganz ruhig, dann glitt sein Blick kurz zu ihr, wieder zurück und dann nickte er:
»Fragen Sie!«
»Was halten Sie davon, wenn wir das, was Sie heute versucht haben, wie Gentlemen zu Ende bringen?«
Er sah mich erstaunt an, räusperte sich:
»Was genau meinen Sie?«
»Nun. Sie sind ein Gentleman. Ich bin das auch. Wie wäre es, wenn wir beide die Nacht dazu nutzen, sie«, damit deutete ich auf meine Begleitung, »so zu verwöhnen, wie es einer Frau wie ihr zusteht. Ihr den Respekt, aber auch die Hingabe zu Teil werden lassen, wie sie es verdient. Wir sie verwöhnen, wie es eben Gentlemen tun, die nur eines im Sinn haben. Einer Göttin wie ihr die größtmögliche Lust zu Teil werden zu lassen. Ihr jede Freude zu bereiten, die wir nur im Stande sind, zu bereiten. Ihr eine Nacht bescheren, die ihr gerecht wird. Nur darauf bedacht, dass ihre Befriedigung alles ist, was Bedeutung hat.«
Ich sah ihm ganz offen in die Augen und er erwiderte meinen Blick. Dann drehte er sein Glas in den Händen und sah zu ihr. Ihre Wangen hatten sich noch einen Hauch mehr gerötet und wieder überlegte ich, ob sie ein Höschen trug und ob sie bereits begann feucht zu werden, bei dem Gedanken, was sie unter Umständen erwarten könnte. Dann stellte er sein Glas ab, entschlossen jetzt und sah uns beide voll an:
»Es wäre mir eine Ehre!«
Ich nickte, stand auf und er und sie erhoben sich ebenfalls. Ein Kellner eilte herbei und James wies ihn an, unsere Drinks auf ihn zu schreiben und uns eine Flasche von diesem unbeschreiblichen Whiskey auf sein Zimmer zu bringen.
Und dann nahmen wir sie in die Mitte und sie hakte sich bei uns beiden unter und als wir in Richtung der Fahrstühle gingen, spürte ich die Blicke der anderen Gäste auf uns und dann dachte ich daran, was in der Penthouse-Suite gleich passieren würde und mir wurde ganz warm und ich musste wieder Lächeln.

Fortsetzung folgt …

Business

Ausgerechnet Paris

Veröffentlicht: 6. Oktober 2017 in night & day
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1.

Ich starrte aus dem Fenster und versuchte das Gefühl loszuwerden, dass sich das Bett mit mir wie ein Karussell drehte. Auf dem Boden lag umgekippt die Flasche Wein, die ich zuletzt getrunken hatte. Nach all dem anderen Zeug, in der Bar. Ich starrte weiter aus dem Fenster, der Himmel war grau und es regnete schon den ganzen Tag. Ab und zu trieb eine Windbö eine Ladung dicker Regentropfen an die Scheibe, die dort zerbarsten und in unzähligen Rinnsalen dann das Glas hinabliefen. Kurz erinnerte ich mich, wie wir uns als Kinder die Zeit vertrieben, indem jeder sich eine dieser Wasserspuren aussuchte und dann hatte der gewonnen, dessen Tropfen zuerst auf dem Fensterbrett angekommen war. Ich schüttelte den Kopf, um diese Erinnerungen wieder loszuwerden und dann versuchte ich weiter, irgendetwas außer dieser grauen Masse da draußen zu erkennen. Die Fensterrahmen waren alt und spröde und der Lack war schon lange abgeplatzt und bei jedem Windstoß klirrten die einfachen Scheiben und es wurde sofort noch kälter im Zimmer, wenn der eisige Lufthauch vom undichten Fenster zur Türe durchzog, die unten am Boden einen breiten Luftspalt hatte. Der einzige Komfort, den das Zimmer bot, war ein altes Radio, das auf einem wackligen Tisch stand. Es spielte nur einen Sender, aber es gab zumindest einen Moderator bei diesem Sender, der sehr zurückhaltend war und fast nie sprach. Er spielte einen Chanson nach dem anderen, manchmal verstand ich ein paar Wortfetzen, aber mein Französisch war zu sehr eingerostet, um wirklich die ganze Geschichte eines jeden Songs zu erfassen. Aber das war ja auch unnötig. Alle handelten sie von der Liebe, dieser einen großen Liebe – und entweder beklagte ein Sänger, dass er diese Liebe nie gefunden hatte, oder, noch schlimmer, die Variante, wenn diese eine große Liebe endlich gefunden war und man sie wieder verlor. Vermutlich sogar aus eigener Blödheit, was das ganze noch dramatischer zu besingen rechtfertigte. Ich hielt nichts von diesem Schwachsinn. Und ich weigerte mich, in meinen Geschichten diese Art von Liebe vorkommen zu lassen. Bei mir gab es nur harte Szenen, Leiden, Qual, Verbrechen – aber niemals diesen Kitsch, diese Liebe, diese große Liebe – von der ich auch überzeugt war, nein, von der ich wusste, dass sie nur eine Erfindung von ein paar Jammerlappen war. Ganz kurz musste ich an die Frau aus dem Kaffeehaus denken, die ich heute kennen gelernt hatte und ob sie eine wäre, für die man solche Lieder schreiben würde, aber dann verwarf ich den Gedanken.
Das Zimmer drehte sich etwas langsamer und ich angelte mir eine Zigarette vom Nachttisch und inhalierte vorsichtig die ersten Züge. Ab und zu spuckte ich einen Tabakkrümel aus, ich hatte die Zigaretten selbst gedreht, weil mein Geld nicht mehr gereicht hatte, mir richtige zu kaufen. Wieder sah ich nach der Flasche Wein, jedesmal in der Hoffnung, es wäre doch noch etwas darin, aber sie war und blieb leer und dann starrte ich wieder aus dem Fenster und fragte mich, warum ich nach Paris gekommen war. Ausgerechnet Paris! Aber ich konnte mich nicht erinnern, warum ich darauf gekommen war und nach einer Weile zuckte ich mit den Schultern. Vermutlich hatte ich mir wie immer gar nichts dabei gedacht, oder, noch schlimmer, ich war auf irgendeine schwachsinnige Eingebung hereingefallen.
Neben dem Radio stand meine Reiseschreibmaschine. Ich hatte sie noch nicht ausgepackt. Der Lederkoffer, in dem sie steckte, war alt und zerschrammt und der Griff abgewetzt und speckig. Ich hatte sie auf einem Flohmarkt entdeckt und vermutlich hatten sie schon viele Besitzer vor mir mitgenommen, wenn sie unterwegs waren. Je nach Stimmung versuchte ich mir vorzustellen, was sie schon alles erlebt hatte. Mal dachte ich mir aus, sie hatte einem Geschäftsmann gehört und seine Sekretärin hatte darauf wichtige Verträge getippt, abends, im Hotel, nach harten Verhandlungen und er war auf und ab gelaufen, einen teueren Whiskey im Glas und eine Belohnungs-Zigarre im Mund und wenn alles fertig getippt war, hatte er einen Blowjob bekommen, oder sie auf dem Arbeitstisch gefickt. Oder ich malte mir aus, wie jemand wie ich damit herumgereist war. Der dachte, er könne besser Schreiben, wenn er unterwegs ist, neue Eindrücke sammelt und dann die ganze Nacht schreibt, unermüdlich und mit klarem Verstand in die Tasten drischt und mindestens einen Bestseller, oder gar etwas von Bedeutung, zu Papier bringt.
Bei mir funktionierte das nicht. Ich hatte noch gar nicht geschrieben. Alle meine Träume, dass ich phantastische Dinge erleben würde, dass ich Inspiration finden würde, dass mir etwas einfiel, das ich für Wert befand, beschrieben werden zu müssen, all das war nicht eingetreten. Ich hatte mich nur durch einige Länder gesoffen und war schließlich hier gelandet. In der Stadt der Liebe. In der den ganzen Tag Liebeslieder in dem Scheiß Radio liefen, so viele, dass ich langsam bereit war, freiwillig zu kotzen.
Ich hatte nichts mehr, kein Geld, zumindest nicht mehr der Rede Wert, nicht mehr genug, um mich ordentlich zu betrinken – von einem guten Essen ganz zu schweigen.
Als ich am Morgen aus dem Zug gestiegen war und sah, dass die Stadt im Nebel lag, aus dem immer wieder Schauer fielen, ja, man nicht mal die Spitze des Eiffelturms hatte erkennen können, war ich einfach durch die Straßen gelaufen und irgendwann, als ich nass und durchgefroren war, fand ich ein Kaffeehaus, das alt und ehrwürdig wirkte und ich war eingetreten und als ich noch unschlüssig am Eingang stand, hatte mich jemand angerempelt und sich sofort erschrocken entschuldigt und mich dann eingeladen, an einen Tisch, an dem viele junge Leute saßen. Sie hatten meine Schreibmaschine gesehen, die ich wie einen Koffer in der Hand trug und sie waren alle Künstler, bunt gemischt, einer war Bildhauer, ein paar Maler, Sänger, Musiker und auch zwei Schriftsteller. Dazu ein paar Frauen, die wohl ihre Musen waren. Jedenfalls waren sie alle bildschön und strahlten eine Selbstsicherheit aus, wie es nur Frauen tun, die sich bewusst sind, was sie für einen Mann bedeuten können. Wir tranken Wein und Schnaps und gelegentlich einen Café Crème und diskutierten stundenlang. Ich beneidete die Gruppe. Sie verbrachten wohl die meisten Tage hier zusammen, tranken, redeten, stritten. Und nachts stellte ich sie mir alle vor, in ihren Ateliers, an ihren Schreibtischen, an ihren Instrumenten, wie sie dann wie Besessene versuchten, das umzusetzen, was ihnen durch den Kopf ging, wie sie an Worten feilten, Farbe für die Leinwand mischten, komponierten und fickten. Ja, ich war mir sicher, dass die Mädchen am Tisch ihre eigentliche Inspiration waren, ihnen Halt gaben, sie aufmunterten. Eine der Frauen saß direkt neben mir und ab und zu berührten sich unsere Hände ganz zufällig, wenn wir nach unseren Gläsern griffen oder den Aschenbecher heranzogen oder auch als ich ihr Feuer gab und sie meine Hand einen Moment zu lang festhielt und ich an ihren Augen hängen blieb und kurz dachte, wie wunderschön sie aussieht und wer wohl das Glück hat, von den Männern am Tisch, diese Lippen küssen zu dürfen und dann ließ sie meine Hand los und der Moment war vorbei und ich schüttelte kurz den Kopf, um wieder klar denken zu können.
Pascal, der, der mich angerempelt hatte, gab eine Runde nach der anderen aus. Er hatte wohl gerade eines seiner Bilder verkaufen können und somit war sein Leben für ein paar Monate gerettet und das galt es, mit den Freunden zu feiern.

Wieder sah ich nach der Weinflasche und nahm mir noch eine Zigarette. Draußen begann es zu dämmern und ich überlegte kurz, meine Schreibmaschine auszupacken, aber dann wurde mir klar, dass ich ohnehin nicht wusste, was ich schreiben sollte und so beschloß ich, sie am nächsten Tag zu Geld zu machen. Was nützte mir eine Schreibmaschine, wenn ich nicht mehr wusste, was ich darauf schreiben sollte?
Im Zimmer nebenan wurde es laut, eine Frau stieß kleine spitze Schreie aus und ein Mann grunzte und dann fing ihr Bett an, rhythmisch gegen die Wand zu schlagen. Auf dem Gang waren ständig Schritte und Gelächter zu hören und aus der anderen Richtung war das Röcheln einer französischen Klospülung zu vernehmen. Ich stand auf und drehte das Radio lauter um mich mit dem Geräuschteppich gegen die Außenwelt abzuschirmen und dann starrte ich eine Weile aus dem Fenster, bis ich mich wieder aufs Bett legte. Aus dem Radio klang die Piaf mit ihrem Klassiker, in dem sie nichts bereut. Auch so ein Kacklied, zumindest wenn man in meiner Situation ist und gar nicht weiß, womit man anfangen soll, was man alles bereut.
Ich musste Lachen bei dem Gedanken und dann dachte ich an ein Lied das ich mochte, ’’La Bohème’’, das von den Künstlern erzählt, solchen, wie ich sie heute getroffen hatte, die von Luft und Liebe und ihren Träumen lebten. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es gewesen sein mochte, im Paris, Anfang des letzten Jahrhunderts, wie es gewesen sein mochte, wenn man Teil war, Teil dieser Szene, die sich gegenseitig half und für die Geld gar nichts bedeutete, aber Freundschaft und Gespräche und Liebe alles waren. Liebe, immer wieder diese Liebe! Wieder musste ich an die Frau denken und plötzlich spürte ich eine Sehnsucht nach ihr und versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, wenn sie hier bei mir sein könnte, jetzt, nur für einen Moment.
Die Konturen im Zimmer verwischten langsam mit der immer stärker werdenden Dämmerung und ich schloß müde die Augen und dann kam gnädig der Schlaf und riss mich in einen Traum, in dem ich mich wieder am Bahnhof fand, aber es war anders, anders als heute Morgen. Es gab keine Autos, nur Kutschen und die Leute trugen Kleider, wie man sie nur aus alten Filmen kennt und ich selbst hatte einen Anzug an und der Koffer mit meiner Schreibmaschine glänzte frisch poliert und hatte keine Kratzer. Ich stolperte fasziniert durch die Straßen und dann rempelte mich ein junger Mann an und es war Pascal, den ich am Morgen kennengelernt hatte und wir liefen weiter durch diesen Traum und er erzählte mir von einer Freundin, die noch einen Mieter aufnehmen würde und er gab mir die Adresse und ich machte mich auf den Weg, um schon am ersten Tag in Paris ein Zimmer gefunden zu haben.
Das Haus war alt, aber es strahlte Würde und Eleganz aus und ich sagte dem Concierge, zu wem ich wollte und dann stand ich an der Türe und die junge Frau die mir geöffnet hatte war auch eine der Frauen vom Vormittag, aus dem Kaffeehaus, die, die mich so fasziniert hatte, die mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen war und sie bat mich herein und schenkte uns einen süßen Likör ein und sah mich lange prüfend an.

»Was malen Sie, welchen Stil?«, fragte sie mich schließlich.
»Ich male nicht, ich schreibe.«
»Oh …«
Ich sah sie fragend an.
»Ich nehme nur Maler als Untermieter.«
Ich sah sie weiter fragend an.
Sie nestelte etwas nervös an Ihrem Hausmantel, trank einen Schluck und dann wiederholte sie:
»Ich nehme nur Maler. Es tut mir leid.«
»Aber warum? Mögen Sie keine Schriftsteller, Madame?«
»Doch … das ist es nicht. Es ist …«, sie sah mich hilflos an und dann errötete sie leicht.
»Es ist so, ich nehme nur Maler auf. Ich liebe es, wenn sie mich malen.«
Ich starrte sie an: »Verstehe«, sagte ich dann zögernd und erhob mich.
»Es tut mir leid, es ist nichts persönliches …«, sie blickte verlegen nach unten, »ich hatte schon Schriftsteller. Sie schreiben immerzu, sind nicht ansprechbar und irgendwann, wenn sie fertig sind, gehen sie, und mir bleibt … nichts.«
Sie war so schön, die Wohnung so heimelig, ich wollte nicht aufgeben, aber ich hatte kein Argument für sie.
Aber dann, als ich an der Türe war, drehte ich mich um: »Was, wenn ich sie male? Jetzt und sofort? Wenn Ihnen gefällt, wie ich sie zeichne, darf ich dann bleiben?«
Sie sah mich erstaunt an: »Ich dachte Sie … Sie können nicht malen?« Wieder zögerte sie, dann sah sie mir in die Augen: »Also gut, wenn mir gefällt, wie sie mich zeichnen, dürfen sie bleiben!«
Ich nickte, legte mein Sakko ab, krempelte meine Ärmel hoch.
»Wie möchten Sie, dass ich sie male?«
»Kommen Sie mit«, damit ging sie in den Nebenraum, das Schlafzimmer. Sie setzte sich auf das Bett, öffnete leicht den Mantel, so dass ich die Ansätze ihrer Brüste sehen konnte und dann lächelte sie mich an: »So.«
Ich nickte, ging nach nebenan, holte meine Schreibmaschine, schob einen Tisch zurecht, nahm mir einen Stuhl, dann packte ich die Schreibmaschine aus. Sie wollte etwas sagen, aber ich hob die Hand und sie verstummte. Ich spannte sorgfältig einen Bogen Papier ein, sah sie lange an, und dann begann ich zu tippen. Ich schlug meine Finger gierig in die Tasten, konnte gar nicht mehr aufhören, ich war wie in einem Rausch, so, als hätte ich noch nie eine Blockade gehabt, zu schreiben. Ich schrieb einen Brief, an sie, und als ich fertig war, nahm ich den Bogen heraus, drehte mich zu ihr um und dann begann ich, ihr vorzulesen, was ich getippt hatte:

2.

»Verehrte Madame, liebste Amélie, Sie möchten ein Bild, von sich. Doch erlauben Sie mir zu sagen, wie soll jemand eine Frau wie Sie malen? Wie soll er es schaffen, den Ton Ihrer Haut richtig zu treffen, diesen perfekten Farbton, nicht blaß, aber auch nicht dunkel, sondern diese vornehme Tönung, die, unterstützt durch Ihre Jugend, so wundervoll mit dem Licht spielt? Woher sollte ein Maler die Farben nehmen, um das Gold Ihrer Locken richtig zur Geltung zu bringen? Überhaupt, Ihr Haar, die frechen Löckchen, die Ihnen immer wieder vors Gesicht fallen und die sie dann jedesmal anmutig, und auch ein bisschen lässig, zur Seite streichen. Manchmal lächeln sie dazu, ein Lächeln, das schon fast einen Hauch frivol ist, verführerisch allemal, so dass man unweigerlich überlegt, wie es sein muss, dürfte man Sie Lieben, und sie sich in Lust und Ekstase mit eben dieser Geste das Haar aus dem Gesicht streichen, achtlos dann, keuchend, ich darf gar nicht weiter darüber nachdenken …

Oder Ihre Augen, dieses Grün, das in jedem Licht anders schimmert. Ich müsste hundert Bilder malen, um auch nur annähernd darzustellen, was es bedeutet, sich in Ihren Augen zu verlieren, die so klar und offen im Blick sind, und so viel verheißen, wenn sie wie Smaragde schimmern. Und erst Ihr Mund! Diese herzförmigen Lippen. Wer will sich erdreisten, diesen Mund nur in einem Zustand auf einer Leinwand zu fixieren! Wenn Sie sprechen, der feine Klang Ihrer Stimme, wenn sich Ihre Lippen bewegen, man ab und zu Ihre Zungenspitze sieht und nur noch an eines denken kann, nämlich wie es sein muss, wenn man diese Lippen küssen dürfte, oder wie dieser Mund einem Dinge ins Ohr flüstert, mit heiserer Stimme dann, das Paradies versprechend, einen Großbrand der Gefühle auslösend. Wäre ich ein Maler, ich würde daran verzweifeln, Ihre Brüste zu malen. Sie können nicht verlangen, dass das jemand schafft! Es schafft, auch nur im Entferntesten darzustellen, wie sie sich unter Ihrem Bademantel wölben, den zarten Ton Ihrer Brustwarzen naturgetreu zu treffen ist unmöglich und Ihre Nippel haben sicher weit mehr verdient, als nur ein Farbklecks auf einer Leinwand zu werden.
Vorhin, als Sie sich fragten, was ich da tue, als ich begann zu schreiben, da färbten sich Ihre Wangen vor Unmut ganz leicht rot. Ein Farbton, den sie sicher auch annehmen, wenn Sie erregt sind, eine Vorstellung wiederum, die mein Herz rasen läßt. Und ganz kurz hat sich dabei Ihr Mantel geöffnet und ich konnte einen Blick auf Ihre Schenkel werfen, so wundervoll geformt und ganz leicht war der Ansatz einer bezaubernden Spalte zu erkennen, die verheißungsvoll verdeckt von Ihren Schenkeln, ganz tief in Ihren Schoß führt – und mir stockte kurz der Atem.
Niemals wird es einem Maler gelingen zu vermitteln, was er empfand, als er Sie malte. Er wird dem gefälligen Betrachter nur einen Ausschnitt vermitteln, eine Momentaufnahme, aber er kann nicht erzählen, was er dabei fühlte. Nicht so wie ich, der ich meinem Leser verrate, wie meine Hände schwitzten, wie mein Herz klopfte und wie ich spürte, dass mir das Blut in die Lenden floß, während ich Ihr Bild für meine Leser zu Papier brachte.

Ihr Porträt auf einer Leinwand, mit starrem Blick, eingefrorenem Lächeln, bewegungslos – die Vorstellung ist entsetzlich! Sie sind so lebendig, so facettenreich, so unglaublich! Sie sind eine Göttin! Und eine Göttin zu malen ist anmaßend.
Madame, Sie sagen, es bleibt Ihnen nichts, wenn ein Schreiber Sie verläßt. Erlauben Sie mir zu widersprechen. Erlauben Sie mir, Sie für immer unsterblich zu machen, in dem ich über Sie schreibe.«

Ich ließ den Briefbogen sinken und sah ganz langsam hoch, in ihre Richtung. Sie saß noch immer auf dem Bett und in ihren Augen glitzerten Tränen. Sie schluckte, wollte etwas sagen, setzte nochmals an:

3.

Irgendetwas ließ mich an dieser Stelle erwachen und ich versuchte mich verzweifelt, an den Traum zu klammern. Ich wollte unbedingt hören, was sie zu meiner Geschichte sagen würde, aber ich schaffte es nicht und dann schlug ich die Augen auf und war wieder in diesem tristen Loch von Hotelzimmer und der Regen peitschte an die Fenster.

Ich rauchte auf dem Rücken liegend und hatte die Augen geschlossen. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass unser Gehirn unsere Träume aus dem Schlaf nach einer kurzen Weile löscht, damit wir nicht Gefahr laufen, sie mit der Realität zu verwechseln. Ich versuchte mich an jedes Details zu erinnern, an jedes Wort, jede Geste. Mich überfiel regelrecht Panik, ich könnte damit nicht fertig werden, bevor alles aus meiner Erinnerung verschwand. Schweiß brach mir aus und ich setzte mich mit einem Ruck auf. Mein Kopf quittierte das mit einem heftigen Stich und mir wurde leicht schwindlig. Zu viel Alkohol, zu wenig gegessen. Ich wankte ins Bad, goß mir eiskaltes Wasser ins Gesicht und dann lief ich nach unten und erbettelte mir beim Wirt eine Kanne schwarzen Kaffee, die ich vorsichtig auf mein Zimmer balancierte. Dann riss ich hastig die Schreibmaschine aus ihrem Koffer, spannte einen Bogen Papier ein und dann drosch ich in die Tasten, um alles aufzuschreiben, damit ich mich daran erinnern konnte, an Amelié, die Wohnung, die Situation, ihren Körper.

Ich schrieb die ganze Nacht und bis weit in den Vormittag hinein, dann hatte ich nicht nur den Traum niedergeschrieben, sondern auch meine ganze Reise, alles, was ich bisher erlebt hatte, was nicht viel war, und alles, was ich seither an Gedanken und Gefühlen erlebt hatte – und das war viel. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, es auszuschmücken, oder zu beschönigen, oder zu dramatisieren. Ich hatte es einfach nur zu Papier gebracht, einfach so, wie es eben war. Dann starrte ich aus dem Fenster und konnte an nichts anderes denken, als an die Frau mit den grünen Augen, deren Namen ich gar nicht kannte, den ich nur geträumt hatte.
Das Radio fiel mir wieder ein und ich schaltete es an, aber es liefen keine Liebeslieder mehr wie am Abend zuvor, sondern Jazz, den ich nicht mochte und beim Versuch, einen anderen Sender zu finden, verdrehte ich die Skala und dann fand ich nicht mal mehr den einen Sender wieder und als mir das Rauschen, das das Einzige war, was das Gerät aus dem Äther fischte, mir anfing auf die Nerven zu gehen, brach ich in meiner Wut den Hebel ab und so zog ich schließlich einfach den Stecker aus der Wand.

Was, wenn es diese Liebe doch gab? Was, wenn es da etwas gab, das ich bisher nicht erlebt hatte? Was, wenn ich darüber schreiben sollte, über diese ach so große Liebe, die ich bisher nur mit Spott und Hohn von mir gewiesen hatte? Was, wenn das alles aber doch nur ein einziger Haufen Scheiße wäre? Ich musste mich entscheiden.

Ich zog den Koffer unter dem Bett hervor und klappte ihn auf und dann machte ich einen sauberen Schnitt mit meinem Taschenmesser in das Futter des Deckels. Die Goldmünze wog schwer in meiner Hand. Ich hatte sie dort eingenäht. Und ich hatte mir geschworen, wenn ich nichts mehr hätte, außer dieser Münze, dann würde ich heimkehren, aufgeben, es einfach sein lassen. Es war meine Versicherung für ein letztes feudales Essen, einen letzten feudalen Vollrausch und für ein Ticket, zurück, in mein altes Leben.

Es regnete noch immer und ich schlug den Kragen meines Mantels hoch. Gold stand gut, in diesen Zeiten und ich hatte weit mehr Franc bekommen, als ich gehofft hatte. Jetzt würde ich nur noch meine Sachen holen müssen, das Zimmer bezahlen und dann ein Zugticket kaufen. Es war nicht weit, zu meiner Pension, aber trotz des Regens hatte ich Lust, ein paar Schritte zu laufen und ging in die entgegengesetzte Richtung. Es war grau, nass, kühl. Ich betrat das erste Geschäft, das ich fand und kaufte mir Zigaretten und Streichhölzer. Echte Zigaretten! Und obwohl ich diese Gauloises ohne Filter mochte, nahm ich welche mit, denn ich hatte die letzten Tage noch in zu schlechter Erinnerung, als ich dauernd den Tabak ausspucken musste, von meinen selbst gedrehten. Ich wollte gerade gehen, da entdeckte ich die kleinen Cognac Fläschchen, nur so groß wie ein Flachmann und kaufte mir eine.

Ich überlegte, ob ich mir nur an einem Imbiss ein herzhaftes Crêpes holen sollte, oder, wonach mir mehr war, in einem guten Restaurant eine teure Flasche Wein und ein mehrgängiges Menü gönnen sollte. Geld genug hatte ich jetzt in der Tasche. Und für das Ticket zurück würde es immer mehr als genug reichen.

Und dann stand ich wieder vor dem Cafe, in dem ich gestern Pascal und die anderen getroffen hatte. Und Amelié, oder wie immer sie in Wirklichkeit hieß. Ich stand am Fenster, dem großen, auf dem in gewaltigen Lettern der Name aufgeklebt war und schaute nach drinnen. Erst war nichts zu sehen, es war dämmrig im Lokal und wir waren ja ganz hinten gesessen, aber dann gewöhnten sich meine Augen an das Licht und ja, da saßen sie, wie gestern, wie vermutlich auch morgen, wie jeden Tag. Ich wusste nicht, ob ich reingehen sollte. Aber wozu? Ich würde morgen abreisen. Nie wieder zurückkehren. Amelié nie wieder sehen. Warum also den Schmerz noch vergrößern. Den Schmerz? Mir wurde erst jetzt bewusst, dass ich Schmerz empfand. Darüber, dass ich fahren würde. Und darüber, dass ich sie nie wiedersehen würde. Und am meisten darüber, dass sie nie meine Geschichte lesen würde, die ich in der Nacht begonnen hatte. Kurz stellte ich mir vor, wie es wäre, ich bliebe hier. Ich würde alles daran setzen, sie zu erobern. Nachts, wenn ich schrieb, würde sie im Bett liegen, nackt, und auf mich warten. Und dann würde ich ihr vorlesen, was ich geschrieben hätte und sie würde mich anspornen und motivieren und dann dürfte ich sie lieben, den Rest der Nacht, diesen Körper berühren, diesen Mund küssen, ihren Duft atmen, ihre Lebendigkeit in mir aufsaugen. Ich begann zu zittern, so sehr wühlten mich diese Gedanken auf. Ich nahm einen weiteren Schluck des widerlich billigen Cognacs, der mir fast den Magen verbrannte und in der Kehle eine Spur hinterließ, als hätte man brennendes Benzin getrunken.

Jetzt sah sie auf und als sie ein Streichholz entzündete, um sich eine Zigarette anzubrennen, wurde ihr Gesicht kurz beleuchtet und ich sah ihre Gesichtszüge, die einem Engel glichen und ihre Augen wirkten für einen Moment so, als wären sie grüne Smaragde, die Feuer sprühten. Dann war das Bild weg, das Streichholz verglomm und sie blies den Rauch lange aus, in Richtung der Decke und sie wirkte verloren, ausgeschlossen, einsam und einen Augenblick gab ich mich dem Gedanken hin, dass sie an mich dachte, sich fragte, ob ich heute wieder käme, wir uns wieder ganz zufällig berühren würden, uns fühlen dürften, ganz kurz nur, aber doch lange genug, um dieses Feuer zu entfachen. Diese Liebe zu spüren, diese große, einzigartige, die es scheinbar doch zu geben schien.

Ich gab mir einen Ruck, trat einen Schritt zurück. Ich würde nicht hineingehen, ich würde meinen Plan ausführen, mich an meinen Schwur halten, den ich mir gegeben hatte, und abreisen, alles hinter mir lassen, vergessen, ignorieren. Hierzubleiben war keine Option. Nur, weil ich endlich ein paar Seiten geschrieben hatte, hieß das nicht, dass etwas aus der Geschichte werden könnte. Mein Geld wäre bald wieder aufgebraucht und ich könnte nicht einmal mehr nach Hause fahren. Es war zu unsicher, die ganze Idee war zu unsicher gewesen, hatte mich zuviel gekostet, nicht nur an Geld, nein, auch an Zeit, an Vertrauen, Vertrauen in mich. Ich nahm einen weiteren Schluck und beschloß, eine letzte Zigarette zu rauchen, noch einen Blick auf sie zu werfen, von hier aus, und dann zu gehen, so wie ich es vorgehabt hatte.

Ich rauchte langsam, ich wollte es so lange wie möglich rauszögern, den Abschied. Diesen endgültigen, diesen schmerzhaften. Ich trat die Kippe sorgfältig aus, warf einen letzten Blick in das Lokal – und genau in diesem Moment sah sie hoch! Und über ihr Gesicht strich ein Lächeln und ihre Augen trafen meine. Und dann pfiff ich auf Zuhause und betrat das Lokal, um diese Liebe zu erkunden, diese eine, große, einzigartige.

4.

Ich stand, wie fast jeden Tag, am Schaufenster der kleinen Buchhandlung und blickte auf die Auslage. Meistens blieb ich auf eine Zigarettenlänge stehen und starrte in den Laden. Und dabei dachte ich auch jedesmal zurück, wie ich vor etwa einem Jahr vor dem großen Fenster des Cafè gestanden hatte und Amelié still ansah, wie mich diese Sehnsucht zerriss, nach ihr – und an den Schmerz, den es mir verursachte, dass ich beschlossen hatte, Paris zu verlassen.

Ich hatte fertig geraucht und warf die Zigarette fort. Dann warf ich einen letzten Blick auf mein Buch, dass noch immer auf der Stellage für die besten Neuerscheinungen lag und las zum tausendsten Mal den Titel: ’’Ausgerechnet Paris’’. Mir wurde warm, obwohl ich nur einen leichten Leinenanzug trug. Aber dieser Mai fühlte sich schon jetzt an wie Hochsommer, der Flieder blühte überall in der Stadt und überzog die Straßen mit seinem Duft nach Sommer, Sehnsucht und Liebe. Ich musste lächeln, dann ging ich los, die paar Schritte, bis zum Cafè, in dem wie jeden Tag Pascal mit seinen Freunden saß, Wein trank, rauchte, diskutierte, träumte. Und wo auch auch Amelié bereits auf mich wartete.

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Magische Momente

Veröffentlicht: 29. August 2016 in night & day

Magische Orte. Ich habe das Glück, zwei Tage an einem solchen verbringen zu dürfen. Ein Jahrhunderte altes Gebäude, liebevoll restauriert, eingebettet in die endlose Weite der nördlichen Emilia Romagna. Die alten Mauern erzählen ihre Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Von Freude und Glück, Trauer und Tragik. Von Menschen, Emotionen und Geschehnissen. Die Nacht ist heiß, die Natur tobt, Grillen geben ein fast ohrenbetäubendes Konzert, die Pferde auf der Koppel schnauben gelegentlich vernehmlich. Die alten, dicken Eichenbalken ächzen, wenn die Hitze vom Tag sie zwingt, ihre Position etwas zu ändern. Der Rotwein, dunkel und schwer, vom Feld direkt nebenan, berichtet mir von seinen Tagen, als er reifen durfte, von der Sonne, die gnadenlos war, von staubtrocknen Böden, die den Reben alles abverlangt haben. Es ist ein ehrlicher Wein, ohne Schnörkel, kräftig und aromatisch. Diese Nacht ist viel zu schade. Zu schade, um sich mit Schlaf um das Vergnügen zu bringen, sie zu erleben. Zu schade, alleine zu sein. Zu schade, sie nicht zu nutzen, um nachzudenken, über das Leben, die Wege, die man gegangen ist, und noch gehen will. Zu schade, um nicht von ihr zu berichten. Zu magisch ist sie, diese Nacht. Hier und gerade jetzt.
Ffff

Schlossgeflüster

Veröffentlicht: 28. Juni 2013 in night & day
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…wir waren aufgestanden, weil das Gewitter so an Heftigkeit zugenommen hatte, dass es einfach zu atemberaubend geworden war, um es zu ignorieren. Sie stand vor mir am Fenster und jeder Blitz läßt ihr Gesicht kurz aufleuchten, was einen Schein hellen gelbs in ihre Züge zaubert, ihre Lieder zucken kurz und ich sehe die feinen Härchen auf ihrer Wange. Ich bin so dicht hinter ihr, dass sie wohl meine Erektion spüren muss, zumindest kann sie sie wohl erahnen. Ihre Brustwarzen sind hart und gegen die Silhouette des hellen Fensters betrachte ich fasziniert, wie sie sich steil nach oben recken. Langsam schiebe ich meine Hand unter ihr Kleid und fahre ihre Schenkel nach oben. Sie trägt keinen Slip und hat sich erfreulicherweise auch nicht rasiert. Ich bin überwältigt wie nass es zwischen Ihren Beinen ist. Sie stöhnt so plötzlich auf, dass ich überrascht bin. Ihre Fingerknöchel treten weiß hervor, so sehr krallt sie sich in den Fensterrahmen. Sie schiebt ihren Arsch ganz nah an mich heran, kommt meiner Hand gierig entgegen. Ihre Nässe beginnt, an meiner Hand herunter zu laufen und ich gehe in die Knie. Sie beugt sich Richtung Fensterbrett, reckt ihre Hüften nach oben und ich beginne sie von hinten zu lecken. Sie kommt immer wieder, sie stöhnt wie ein Tier und läuft aus. Ihre Schenkel zittern vor Anstrengung und noch während ich mich wieder aufrichtete ziehe ich meine Hosen runter. Mein Glied ist so steif dass ich fast Angst bekomme und ich rutschte mühelos in sie hinein. Ich halte ihre Brüste fest und bewege mich wie in Trance in ihr und sie weint vor Lust und jammert und als ich komme ziehe ich mich aus ihr zurück und spritze alles auf ihren Rücken und ihr Kleid und ihren Arsch und schreie dabei und zittere und schließlich klammere ich mich an ihr fest und da ist es wieder, dieses Gefühl, nein, diese Leere, dieser Flug durchs Weltall, dieser kurze Moment, in dem alles Denken und alles Sein und alles Wissen aussetzt, nur einen Moment, aber dieser eine Moment ist so unendlich und so schön und so klar. Wie die Astronauten, die in diese Flugzeuge steigen und sie fliegen einen Looping und für ein paar Sekunden ist es so als wären sie im Weltall, schwerelos. Langsam löse ich mich von ihr und wir sehen beide dem Tropfen Sperma zu, der über sie bis an die Fensterscheibe gespritzt war und nun langsam flüssig wird und herunterrinnt und müßen beide lachen, wir lachen wie bekifft und sie dreht sich ganz zu mir um, läßt sich genauso langsam wie der Tropfen zu Boden rutschen, küsst kurz meinen Schwanz der wieder ganz weich geworden ist und noch ganz rot ist von ihrer Nässe die auch von dem Blut kommt durch ihre Periode, was ich nicht gewusst hatte aber was mir auch herzlich egal ist.…