TEIL 1 – DER SONNTAG

Veröffentlicht: 14. August 2014 in breathless
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Als wir uns verabschiedet haben dauert es nur ein paar Minuten, dann reißt mich die plötzliche Leere mit voller Wucht von den Beinen. Ich laufe ziellos durch die Wohnung und versuche irgendetwas zu finden, das mich ablenkt, aber es gelingt mir nicht. Ihr Gesicht schiebt sich in meine Gedanken, ihr Geruch, das Gefühl, ihre Haut gespürt zu haben – endlich. Ich mache Musik an und öffne eine Flasche Bier und dann stehe ich am großen Fenster und starre in den Regen, der laut prasselnd die beginnende Nacht mit seinem Schleier bedeckt. Ich erinnere mich an jede Sekunde, die wir verbracht haben, heute, und ich muss kurz lächeln, ganz kurz nur, bis sich der Schmerz wieder in mein Herz bohrt und das Vermissen jetzt schon so stark wird, dass ich nicht weiß, wie ich es den Rest meines Lebens ertragen soll. Ich höre Musik, Lieder von Menschen, die in Ihrem größten Schmerz ihre besten Texte geschrieben haben, von Liebe, Verzweiflung, Leidenschaft. Texte, die ich nie verstanden habe, aber das merke ich erst jetzt, als es mir selber den Boden wegzieht. Es war dunkel gewesen, vorhin, ich habe nichts von ihr gesehen, aber dafür alles gespürt. Meine Lippen durften sie berühren, ihren Körper schmecken, meine Hände haben sie berührt, gestreichelt, gehalten – überall. Ich überlege, wie oft ich sie geküsst habe, in all den Jahren, in meinen Gedanken. Ich weiß es nicht mehr – zu oft. Die Vorstellung war schön. Es wirklich zu tun dagegen unbeschreiblich. Ihre Lippen auf meinen zu spüren, mit ihrer Zunge zu spielen, ihr nah zu sein, so unbeschreiblich nah. Ich öffne die nächste Flasche und blase den Rauch der nächsten Zigarette nachdenklich in die verregnete Nacht. Ich will für immer hier stehen, an den Fensterrahmen gelehnt, in die Dunkelheit starren und an sie denken. Die Lieder machen mich so traurig, aber ich genieße den Schmerz schon fast, endlich empfinde ich wieder etwas, auch wenn es so unglaublich weh tut; so unfassbar schön fühlt es sich auch an. Als ich ihre Brüste geküsst habe, wurde mir schwindlig vor Glück und ich merke, wie mein Herz alleine bei dem Gedanken wieder anfängt, heftig zu schlagen. Ich verwerfe die Idee, einfach ins Auto zu steigen und zu ihr zu fahren und hole mir die nächste Flasche. Als sie sich einfach ausgezogen hast, so selbstverständlich, habe ich so gezittert vor Aufregung, ich wollte es erst nicht zeigen, aber dann war es mir egal. All die vielen Jahre, die wir es unterdrückt haben, die vielen kleinen Begebenheiten, die Aufregung, das Herzklopfen, all das kam plötzlich aus mir heraus. All die Jahre haben wir diese kurzen Momente heimlich gesammelt, verborgen, und nur wenn wir alleine waren, kurz hervorgeholt, jeder für sich.

Die CD ist zu Ende und ich scrolle durch die Liste und suche mir nur die traurigsten Liebeslieder aus. Und noch immer stehe ich an diesem scheiß Fenster und versuche einen klaren Gedanken zu fassen. Niemals hätte ich gedacht, dass es ihr ähnlich gegangen war, die ganzen Jahre, nie hätte ich vermutet, dass ich sie irgendwann berühren darf, küssen darf, streicheln darf.
Der Regen ist stärker jetzt und die Nacht völlig hereingebrochen und ich stehe immer noch hier, trinke, rauche, höre Musik und kann nicht aufhören. Nicht aufhören an Dich zu denken, nicht aufhören zu lächeln, nicht aufhören zu weinen.

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